Der beinahe vergessene Trainer, Künstler und Pädagoge starb vor 50 Jahren

Wie wird man Fußball-Weltmeister? Ernst Fuhry hätte diese Frage vermutlich nicht direkt beantwortet, weil sie ihm zu eng gefasst gewesen wäre. Für ihn begann Erfolg nicht auf dem Spielfeld, sondern beim Menschen. Vielleicht erklärt genau das, warum sein Name heute kaum noch fällt, obwohl er den deutschen Fußball auf leise Weise geprägt hat. Geboren 1903 in Worms, wuchs er in einem Elternhaus auf, das Sicherheit schätzte. Er absolvierte eine Banklehre, entschloss sich anschließend bewusst gegen diesen Weg. Dass sich sein Todestag am 28. April 2026 zum 50. Mal jährt, ist ein Anlass, sich an diesen heute fast vergessenen Gestalter des deutschen Fußballs zu erinnern. Die künstlerische Begabung schrieb er seiner Mutter zu, die körperliche Beweglichkeit und Ausdauer seinem Vater. Sport – vor allem Leichtathletik und Schwimmen – gehörte ebenso zu seinem Leben wie das Zeichnen; in den 1920er-Jahren war er Mitbegründer des Schwimmclubs Poseidon in Worms. Der Schritt nach München zum Studium der Grafik bedeutete einen bewussten Aufbruch, der ihn schließlich nach Berlin zum DFB führte.
Dort fand Fuhry eine Aufgabe, die zu ihm passte. Als Redakteur und Gestalter prägte er Texte und Erscheinungsbild gleichermaßen, sein Entwurf des DFB-Emblems brachte eine neue, sachlichere Formensprache in den Fußball. Gleichzeitig bewegte er sich im Umfeld der katholischen Jugendbewegung „Quickborn“, deren Werte – Disziplin, Gemeinschaft und bewusster Verzicht – ihn nachhaltig beeinflussten. Als er im unseligen Jahr 1933 die Jugendgruppe der „Spartaner“ in Berlin gründete, verband sich all dies zu einer eigenen Form der Arbeit mit jungen Menschen, in der Fußball, Charakterbildung und Selbstdisziplin untrennbar zusammengehörten.
Diese Haltung fand ihren sichtbarsten Ausdruck im Lehrfilm „Fußball-Technik“, der zwischen 1935 und 1942 entstand. Der Deutsche Fußball-Bund besitzt eine Kopie in seinem Archiv. In drei Akten und mit einer Länge von rund einer Stunde zeigen 14- bis 16-jährige Spieler seiner „Spartaner“ technische Abläufe in einer Präzision, die ihrer Zeit weit voraus war. Der geplante zweite Teil mit dem Titel „Taktik“ blieb unvollendet. Dass der Film überhaupt erhalten blieb, ist einer ungewöhnlichen Entscheidung zu verdanken: Fuhry vergrub ihn in einem Garten im Berliner Bezirk Pankow, wodurch er den Krieg überstand und in den 1960er-Jahren bei Vereinsabenden wieder gezeigt werden konnte. Auch öffentlich trat Fuhry noch einmal hervor, als er 1965 in der ARD-Sendung „Hohe Schule des Fußballs“ gemeinsam mit Sepp Herberger über Spielkultur und Ausbildung sprach – es soll ein ruhiges, beinahe zeitlos wirkendes Gespräch zweier Fußballlehrer gewesen sein. Bilddokumente existieren von diesem Treffen, während man eine Aufzeichnung der Zusammenkunft in den Archiven der ARD vergeblich sucht.
Die Jahre des Nationalsozialismus lassen sich bei Fuhry nicht eindeutig fassen. Er war weit entfernt, ein Widerstandskämpfer zu sein, aber auch kein überzeugter Anhänger, kein Parteimitglied. Er schwieg, passte sich an und hielt zugleich an eigenen Formen der Jugendarbeit fest, die nicht ganz in das System passten. Auch Gerüchte über seine sexuelle Orientierung, die bereits damals von staatlicher Seite aufgegriffen wurden, blieben unbewiesen und sind für die Bewertung seines Lebenswerks wohl letztlich ohne Bedeutung. Dass im Mittelpunkt der Mensch und nicht Religionszugehörigkeit stehen sollten, zeigte sich durch Herbert Franzkowiak in Berlin. Der Junge, Mitglied bei den Fuhry-Spartanern, stammte aus einer jüdisch geprägten Familie. Derweil war wohl nur der Vater Jude, aber seine Mutter saß in einem Konzentrationslager ein. Sie überlebte. Mutter und Sohn waren nach Kriegsende „anerkannte Opfer des Faschismus“, wie aus einem Schreiben von etwa 1946 hervorgeht.
Der Krieg zerstörte große Teile seines künstlerischen und dokumentarischen Werks; beim Brand der Berliner Wohnung im November 1943 gingen alle Entwürfe und Sammlungen verloren, darunter auch das von ihm besonders geschätzte Plakat zum ersten Länderspiel Deutschland gegen England 1930. Die Brandbomben zerstörten auch die Zentrale des DFB, der sich mit der Geschäftsstelle im selben Gebäude befand.
Nach 1945 – genauer im Sommer 1946 – begann in Nordhorn an der Niederländischen Grenze ein neuer Abschnitt, mit etwas weniger Talenten als in der deutschen Hauptstadt, aber bestimmt nachhaltiger. Als Trainer von Eintracht Nordhorn arbeitete Fuhry mit jungen Spielern und überzeugte weniger durch Anweisungen als durch Haltung. Sein Schüler Rudolf Lembeck erinnerte sich später: „Er hat nichts mit Zwang beibringen wollen. Wir sind ihm nur zu gerne gefolgt, weil er alles vorgelebt hat.“
Der sportliche Erfolg stellte sich ein, doch er war für den Idealisten nie Selbstzweck. Zweimal verzichtete die Mannschaft nach errungenen Meisterschaften auf den Aufstieg in die Oberliga, bevor sie beim dritten Mal den Schritt wagte und sich dort unter anderem mit dem Hamburger SV maß. Eine höhere Spielklasse gab es damals nicht, doch wichtiger als jede Tabellenposition blieb für ihn die innere Einstellung zum Spiel und zum Leben. Seine Lehren strahlten auch bis in einen anderen Teil des Rheinlandes: Günter Hentschke – ein weiterer Berliner Fuhry-Schüler trainierte später Oberliga-Teams in Duisburg und Düsseldorf.
Privat blieb Fuhry ein zurückgezogener Mensch, der seinen Haushalt nie allein führte. In Berlin und Nordhorn unterstützte ihn die jüngste Schwester Anna, später in Worms seine Schwester Liesl. Dorthin kehrte er schließlich zurück, blieb bis ins hohe Alter künstlerisch tätig. Zu seinem 70. Geburtstag formulierte er, er habe noch „30 Jahre Arbeit vor sich“. Ganz so lange wurde es nicht, doch bis zuletzt kam die Kreativität nie zu kurz. Sein Weltfriedenssymbol mit einem Leitstern im Zentrum gehört zu den letzten Entwürfen und findet sich heute auf seinem Grab auf dem Friedhof Hochheimer Höhe in der Nibelungenstadt.
Als Ernst Fuhry 1976 beigesetzt wurde, war auch Bundestrainer Helmut Schön unter den Trauergästen – eine stille Form der Anerkennung für einen Mann, der nie den großen Auftritt suchte. Sein Nachlass, von seiner Schwester Liesl sorgfältig verwahrt, fand erst nach ihrem Tod teilweise den Weg in offizielle Archive, darunter das des DFB sowie in das Stadtarchiv Worms. Vieles war durch die Kriegsereignisse verloren, anderes blieb verstreut.
Was bleibt, ist das Bild eines Mannes, der den Fußball nicht als Spektakel verstand, sondern als Lebensschule. Kein Held im klassischen Sinne, sondern ein leiser Gestalter – und gerade darin seiner Zeit voraus. Ein typisches Fuhry-Zitat: „Man kann nicht immer das Glück haben, Erster zu werden, doch hinter sich selbst darf man nicht zurückbleiben.“
Frank Toebs

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