Verkehrte Welt im Berliner Profifußball nach dem 8. Spieltag

Chefredakteur Christian Zschiedrich kommentiert

Eine Heimniederlage von Hertha BSC und ein Auswärtssieg von Union beim 1.FC Köln steht zu Buche. Gut, gegen Dortmund kann man verlieren. Hertha sah eine Halbzeit lang recht gut aus, führte sogar etwas überraschend zur Halbzeit 1:0 durch Cunhas Treffer in der 33. Minute. Doch Dortmund machte mit einem Doppelschlag, direkt nach Wiederbeginn, zweimal durch Haaland (47. + 49.) ernst, drehte die Partie entscheidend. Ja, dieser Haaland!

Der norwegische Stürmer ist nicht nur schnell, sogar sehr schnell. Er hat enormes Durchsetzungsvermögen und ist obendrein mit seinen technischen Fertigkeiten im Zweikampf und im zielorientierten Dribbling mit großen Abschlussinstinkt ausgestattet. Da bringt selbst die gute alte Manndeckung nicht viel. „Bleib an ihm dran und wenn Haaland auf Toilette geht, gehst du mit.“

Dann wäre ja die Möglichkeit, einen zweiten Mann gegen Haaland zu beordern. Der fehlt aber dann im Abwehrverbund. Die Lücken nutzen eben die Mitspieler von Haaland, dann schießen Reus oder andere die Tore. Toll, diese Qualität in der Bundesliga zu erleben. Da macht das Zusehen Freude. Haaland vollendete in Minute 62 seinen Hattrick und Dortmund führte 3:1. Guerreiro traf zum 4:1 (70.), ehe Cunha auf 2:4 (79.) per Foulelfmeter für Hertha verkürzen konnte. Die 3-Tore-Differenz stellte schließlich Haaland (80.) mit seinem 4. Treffer auf 5:2 für die Gäste wieder her.

Hertha verlor etwas unter Wert. Dortmund dominierte und gewann hochverdient. Das sei aber auch unserer zweiten Bundesliga-Mannschaft zugestanden – trotz vieler Verletzte ein knapp verdienter Sieg in Köln durch Awoniyi (27.) 0:1 und Kruse (72.) zum 2:1 per Elfmeter im Nachschuss. Erfolgreiche Mannschaften brauchen solche Stürmer wie Haaland, Cunha und Kruse.

Die Liga verneigt sich aktuell vor den Eisernen. Trotzdem bleiben sie in der Wuhlheide auf dem Teppich. Von internationalen Plätzen redet keiner, das ist mehr als angebracht. Die dicken Brocken warten noch und da ist es gut, solch ein Punktepolster angesammelt zu haben.

Eigentlich wurde Hertha dort erwartet wo der 1. FC Union gerade steht. Tabellenplatz fünf mit 15 Punkten und einem soliden Verhältnis von18:8 Toren und Hertha ? Nach acht Spielen bedeuten 7 Punkte, 15:18 Tore, Tabellenplatz dreizehn. Bis zu den Abstiegsrängen sind es 4 Punkte Vorsprung und Hertha muss am 9. Spieltag nach Leverkusen. Bloß nicht weiter abrutschen!

Unions Präsident Dirk Zingler wird im stillen Kämmerlein über das bisher Erreichte schmunzeln, was mit weniger finanziellen Mitteln als mit Herthas Millionen-Einsatz herausgekommen ist. Na gut, die Saison ist noch lang ! Union spielt jetzt gegen Eintracht Frankfurt und hat in der Aufstiegssaison in Frankfurt gewonnen, allerdings das Heimspiel verloren.

Sollte Hertha in Leverkusen tatsächlich verlieren und weiter abrutschen, kommt die Abstiegzone bedrohlich näher. Ein Glück, dass es einen Verein gibt, bei den Hertha-Fans „besonders beliebt“, der mit 3 Punkten die Rote Laterne trägt. Auf Schalke hat es mächtig im Karton gerappelt. Drei Spieler wurden rasiert, getroffen hat es auch den Ex-Herthaner Ibisevic, der wohl preiswerteste Profi der Liga muss den Verein zum Jahresende verlassen. Schalke muss in Gladbach antreten, ob es dort gut ausgehen wird ist sehr zu bezweifeln. Die Borussen spielten zuletzt zu Hause nur 1:1 gegen Augsburg. Ein Ergebnis, dass die Schalker sofort unterschreiben würden.  

 Christian Zschiedrich

Hertha verliert und Werner Gegenbauer bleibt Präsident

Hertha BSC hat die Auswärtspartie nach anständiger Leistung mit 1:2 verloren. Über eine Stunde mussten sie mit einem Spieler weniger auskommen. Deyovaisio Zeefuik sah die gelb-rote Karte, nach einem Schubser an seinem Gegenspieler. Die Aktion hätte nicht jeder Schiedsrichter als gelbwürdig eingschätzt. Tobias Stieler hat es aber so entschieden. Zu diesem Zeitpunkt stand es 1:1 und Hertha zeigte anschließend, dass sie durchaus auch etwas vom Abwehrspiel verstehen. Wie in München glitt ihnen der mögliche Punkt aus den Händen. Wieder war es ein Foulelfmeter, den Leipzigs Kapitän Marcel Sabitzer in der 77. Minute erfolgreich verwandelte.

Die Ergebnisse stimmen nicht. Der nächste Gegner im Olympiastadion – sofern Corona will – ist der VfL Wolfsburg.

Seit 2008 Hertha Präsident – Werner Gegenbauer
Fotos © herthabsc/city-press

Für die Hertha-Mitglieder war einen Tag später alle Aufmerksamkeit auf die Wahl des neuen Präsidiums gerichtet. Auf der Ost-Tribüne des Olympiastadions hatten sich 1.079 Mitglieder eingefunden. Die Wahl brachte keine Überraschung. Der amtierende Werner Gegenbauer, wurde ohne Gegenkandidat für weitere 4 Jahre im Amt bestätigt. Auf ihn entfielen 542 Stimmen, 421 stimmten dagegen und 49 enthielten sich. Vize-Präsident bleibt Thorsten Manske, er bekam 566 Stimmen, etwas mehr als Gegenbauer, trotzdem kein als zu großer Vertrauensbeweis der Hertha-Familie.

Die anderen Mitglieder des Präsidiums sind laut Pressemitteilung: „Im ersten Wahlgang wurden direkt gewählt: Fabian Drescher (797 Stimmen), Anne Jüngermann (781), Peer Mock-Stümer (788), Ingmar Pering (497) und Norbert Sauer (479). Alle Gewählten haben die Wahl angenommen.

Auf die anderen Kandidaten entfielen die folgenden Stimmen: Detlef Dahmes (329 Stimmen), Nils Korte (180), Michael Ottow (468), Klaus Teichert (421), Christian Wolter (360) und Marco Wurzbacher (469). Alle 6 Kandidaten*innen sind zum zweiten Wahlgang angetreten.

Das Ergebnis sah wie folgt aus: Auf Michael Ottow entfielen 411 Stimmen, auf Detelf Dahmes (185 Stimmen), Nils Korte (47 Stimmen), Klaus Teichert (275), Christian Wolter (354) und Marco Wurzbacher (317). Damit ist Michael Ottow erneut in das Präsidium gewählt worden.“

Quelle: Hertha BSC

Zwist und Streit vor der Mitgliederversammlung bei der Alten Dame

Was spielt sich hinter den Kulissen bei Hertha ab und könnte bei der Freiluft-Mitgliederversammlung am Sonntag, 25. Oktober 2020, zu einigen Nachfragen führen ? Die Alte Dame wird immer mal wieder von der eigenen Vergangenheit eingeholt. Die interessierte Öffentlichkeit erfuhr in schöner Regelmäßigkeit von Zank und Streit in der Führungsebene. Der Mann an der Spitze ist seit 2008 Werner Gegenbauer, der sich mit Thorsten Manske seinen Vize-Präsidenten ins Boot holte. Dabei blieben in den letzten Jahren einige verdienstvolle Herthaner, genannt sei hier Jörg Thomas, auf der Strecke.

Sportvereine sind grundsätzlich froh, finanzstarke Persönlichkeiten im Vorstand zu haben. Werner Gegenbauer hat in Berlin einiges an Geld gescheffelt. Und das Präsidentenamt beim selbsternannten Hauptstadtclub war sicherlich kein Hindernis bei seinen Geschäften.

Für TV Sport in Berlin ließ ich einst kein Hertha-Trainingslager aus und unterhielt mich gern am Spielfeldrand mit dem Präsidenten. Ein Interview war immer drin, selbst in den Pausen von bewegten Mitgliederversammlungen, wenn nicht jeder Sender entsprechende Wünsche erfüllt bekam. Die Welt schien 2008 in Ordnung zu Zeiten, als Christian Wolter für das Präsidium und Werner Gegenbauer für den Vorsitz ihre Kandidatur bekannt gaben. Christian Wolter lagen zu der Zeit besonders Herthas Jugend und Amateurmannschaften am Herzen. Als erfolgreicher Unternehmer ist er ein großzügiger Sponsor, sozusagen von der Pike an.

Ich war ein bisschen stolz, als damals, kurz vor der Wahl Christian Wolter, Thorsten Manske und Werner Gegenbauer zum Talk in die Sendung kamen. Ein solches Gespräch soll Gegenbauer mit dem RBB abgelehnt haben. Werner Gegenbauer wurde Präsident und Christian Wolter mit großer Zustimmung ins Präsidium gewählt. Gegenbauer löste damals Bernd Schiphorst ab, in seine Amtszeit fielen die Ausgliederung des Profibetriebs in eine Kapitalgesellschaft und die weitere sportlichen Konsolidierung des Vereins. Das sollte Werner Gegenbauer fortführen.

Von Reibereien im Vorstand sickerte immer mal was durch. Nachdenklich stimmten mich Äußerungen, Werner Gegenbauer vertrage keine Kritik und reduziere vieles auf ein einfaches Freund-Feind Denken. Vielleicht war das ein Grund, weshalb Christian Wolter in Ungnade gefallen war. Der Präsident bräuchte Ja-Sager und keine Besserwisser. Jedenfalls standen zwei Vorstandsmitglieder vier Jahre später, 2012 nicht wieder auf Gegenbauers den Mitglieder vorgelegter Wahlliste.

Man erinnerte sich an unsere Berichterstattung und die Talkrunde vor den Wahlen 2008. Die zwei abservierten Vorstandsmitglieder fragten an, dass aktuell zu wiederholen. Die Sendung hatte Zündstoff und kam erneut gut an. Werner Gegenbauer war diesmal nicht dabei. Die zwei Aussortierten wurden erneut in den Vorstand gewählt. Als Journalist hatte ich wohl bei Gegenbauer und der Presseabteilung von Hertha verspielt. Nebenbei sei erwähnt, dass es 2012 zu einer Gerichtsverhandlung gegen einen sich unklug verhaltenen Journalisten kam. Der Prozess endete mit einem Freispruch. Gegenbauer war persönlich geladen und nicht erschienen. Er wurde mit einem Ordnungsgeld belegt und bei Nichtzahlung sogar 3 Tage Haft angedroht. Der Vorgang, eigentlich ein gefundenes Fressen für den Berliner-Boulevard, fand erstaunlicherweise keine weitere Beachtung.

In meinem Buch „Von Weltkrieg bis Web-TV“ war ich vielleicht „zu kritisch mit unserer Hertha und mit Manager Michael Preetz“, umgegangen. Als Journalist und ehemaliges Hertha-Mitglied ließ ich es mir nicht nehmen, auf Mitgliederversammlungen unangenehme Fragen zu stellen. War es die Rache des kleinen Mannes ? Als Journalist wurde ich abserviert und bekam seitdem keine Akkreditierungen mehr.

Nun zurück zur Aktualität. Werner Gegenbauer will Präsident bleiben und Thorsten Manske soll wieder sein Vize werden. Für die acht weiteren Plätze im Präsidium kandidieren elf Personen. Präsidiumsmitglied Christian Wolter wird gegen Thorsten Manske für den Vize-Posten kandidieren. Das dürfte spannend werden.

Christian Zschiedrich

Magere Ausbeute für den Berliner Profifußball

Über die Leistung der der Alten Dame im Heimspiel gegen den Aufsteiger aus Stuttgart müssen nicht viele Worte verloren werden. Es war einfach zu wenig. Der Haussegen dürfte jetzt schief hängen. Hertha ist noch keine Mannschaft, die bekanntlich mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. Mit dem zur Verfügung stehenden Personal wäre Stuttgart eigentlich ein machbarer Gegner gewesen. Der Saisonstart ist in die Hose gegangen. Bruno Labbadia räumte ein, dass die Mannschaft am Ende der vergangenen Saison weiter war. Wurde der Umbruch zu heftig betrieben, angesichts des Geldsegens ? Eine eingespielte Mannschaft sieht anders aus. Der nächste Gegner ist das Spitzenteam von RB Leipzig, da sollten sich die Hertha-Profis an die Leistung am 3. Spieltag bei den Bayern erinnern.

Probleme mit dem eingespielt sein hat das andere Berliner Profi-Team weniger. Fehlende individuelle Klasse wird mit mannschaftlicher Geschlossenheit wett gemacht. Beim Auswärtsspiel auf Schalke gelang das erneut ganz gut. Es hätten sogar beim königsblauen Krisenclub drei Punkte herausspringen können. Schlussendlich, um hier eines der Lieblingsworte von Urs Fischer zu verwenden, wurden schiedlich-friedlich die Punkte geteilt. Marvin Friedrich, Unions Innenverteidiger mit Schalker Vergangenheit sorgte in der 55. Minute für den Führungstreffer. Ein von Christopher Trimmel getretener Eckball wurde zu kurz abgewehrt und vom Kapitän selbst nochmals scharf gemacht. In der 69. Minute egalisierte Goncalo Paciencia den Spielstand. Indirekt beteiligt an dem Treffer war der Ex-Unioner Steven Skrzybski, der Andreas Luthe fast mit einem Schuss aus spitzem Winkel überwunden hätte. Daraus folgte ein Eckball, den Paciencia per Kopf auf den kurzen Pfosten, am verduzten Luthe vorbei, zum Ausgleich beförderte. Beim Eckball steht immer einer am kurzen Pfosten, hieß es früher einmal, das ist wohl aus der Mode gekommen. So war der mögliche Auswärtssieg dahin. Union empfängt am 5. Spieltag den SC Freiburg in der Alten Försterei. In der Tabelle rangieren sie bis dahin vor den Herthanern.

Hans-Peter Becker

nur der 1. FC Union blieb übrig

„Erreicht Hof mit Müh und Not“, der 1. FC Union quälte sich in Karlsruhe und hatte Glück in der Verlängerung, da gelang ausgerechnet Nico Schlottebeck das goldene Tor. Schlotterbeck spielte zwei Jahre, von 2015-2017, für den Nachwuchs des KSC. Im Gegensatz zum Auftritt der Hertha, stand bei den Eisernen wenigstens die Abwehr. Die Karlsruher versuchten es zu oft mit hohen Flanken in den Strafraum, die von hochgewachsenen Verteidigung der Unioner abgeräumt wurden. Packende Torraumszenen waren Mangelware und ein Klassenunterschied überhaupt nicht zu sehen. Über diesen mauen Auftritt werden die Eisernen intern reden müssen. In der Auswertung dürfte Urs Fischer, der ja ein eher ruhiger Zeitgenosse ist, etwas lauter geworden sein.

Zum Auftakt des Pokalwochenendes hatte sich Hertha in Braunschweig…, ja was ? Nimmt man das nackte Ergebnis, 4:5 verloren, war es eine Blamage. Beide Mannschaften spielten quasi ohne Abwehr. Bei dem Rückkehrer in die 2. Bundesliga war praktisch jeder Schuss ein Treffer und Hertha Angriffsleistungen sind eigentlich zu loben. Nur, so ganz ohne Abwehr ist kein Spiel zu gewinnen. Die Braunschweiger hatten zudem eine übergroße Portion Matchglück. Hertha ist schon raus aus dem Pokal und vor dem Bundesligastart kann einem Angst und Bange werden. Der neue Flughafen in Berlin ist keine so große Baustelle mehr, wie die Hertha-Mannschaft. Im Gegensatz zum BER hat Hertha noch Geld auf dem Konto.

Vergessen wir nicht den Dritten im Bunde, die VSG Altglienicke, verspätet qualifiziert als Sieger des Berliner Pokals. Sie hatten ja das Heimrecht mit dem 1. FC Köln getauscht und standen in der Kölner Arena auf verlorenem Posten. In Berlin wäre es ihnen nicht anders ergangen. So sparten sie eine Menge Geld. Mit viel Selbstvertrauen versuchten die Schützlinge von Karsten Heine dagegen zu halten. In der 17. Minute sorgte eine strittige Elfmeterentscheidung für die frühe Kölner Führung. Den vom Kölner Kapitän geschossenen Strafstoß hätte VSG-Keeper Bätge fast gemeistet. Bis zur Halbzeitpause bauten die Kölner ihre Führung auf 3:0 aus. Das Spiel war frühzeitig entschieden. Die VSG steckte nie und versuchte wenigstens den Ehrentreffer zu erzielen. Am Ende siegte der Effzeh standesgemäß mit 6:0.

Hans-Peter Becker

Ronny ist zurück

Ronny Heberson Furtado de Araújo, so sein vollständiger Name, ist zurück in Berlin. Von 2010 bis 2016 bestritt für Hertha BSC 112 Spiele in der 1. und 2. Bundesliga und erzielte dabei 27 Tore. Auf dem Platz zelebrierte er seine Kunst der ruhenden Bälle, ein gefürchteter Freistoßschütze und gefragt bei Ecken.

Am 3. September 2012, es war ein Montagabendspiel, Hertha war erneut abgestiegen und musste zum Zweitligaderby beim 1. FC Union antreten. Die Alte Försterei wurde gerade umgebaut, die neue Haupttribüne noch nicht fertig. Die Eisernen waren in den Startlöchern hängen geblieben, aus den ersten drei Spielen konnte lediglich ein Punkt geholt werden. Hertha hatte immerhin bereits 4 Punkte auf der Habenseite. Unter Flutlicht und vor prall gefüllten Stehplatzrängen, 16.750 Zuschauer passten damals rein, entwickelte sich ein rassiges Derby. Schiedsrichter Peter Gagelmann ließ viel, eigentlich zu vieles, laufen. Hertha ging durch Sandro Wagner nach 30 Minuten in Führung, nach einer gelungen Vorarbeit von Peer Kluge. Die Alte Försterei bebte als Chris Quiring in der 69. Minute eine Vorlage von Michael Parensen zum 1:1 Ausgleich einköpfte. In der 2. Halbzeit kam nicht viel von der Alten Dame. Jos Luhukay reagierte und brachte unmittelbar nach dem Gegentor Ronny für den Torschützen Wagner. In der 73. Minute hatte Ronny seinen großen Auftritt, Freistoß, 20 m Torentfernung, etwas halblinke Position. Er entschied sich für einen Flachschuss, links an der Mauer vorbei. Unions Torwart Daniel Haas unterschätze den Ball, versuchte ihn festzuhalten und er rutschte ins Tor. Hertha gewann mit 2:1.

Ronny – Bildmitte – bei der Wahl zum Berliner Profifußballers des Jahres 2013 Foto © BFV

Das alles ist Vergangenheit. Etwas verwundert war man schon, als Ronny wieder in Berlin auftauchte und zunächst ein Probetraining beim FC Berlin United unter Trainer Thomas Häßler absolvierte. Eine Verpflichtung kam damals nicht zu stande. Jetzt will er es noch einmal wissen, hoffentlich keine Lachnummer oder Marketing-Gag.

Für den 21.08.2020 ist der Start in die neue Saison in der Berlin-Liga vorgesehen. Der neue Verein von Ronny ist der 1. FC Novi Pazar Neukölln 95, hervorgegangen aus dem 1. FC Neukölln, einer der ältesten Fußballvereine Berlin. Der eine oder andere Zuschauer mehr könnte zukünftig den Weg zu den Plätzen der Berlin-Liga finden, allein um zu sehen, was Ronny noch drauf hat. Momentan feilt er mit einem persönlichen Fitness-Trainer an seiner Form. Gewichtsprobleme hatte er schon während seiner Herthazeit und zudem seit 2018 ohne Spielpraxis. Seine Profi-Karriere endete 2017 in Fortaleza in seiner brasilianischen Heimat.

Der erste Gegner in der neuen Saison von Novi Pazar heißt Fortuna Biesdorf, am Sonntag, 23.08.2020. Der Spielbeginn ist für 14:30 Uhr vorgesehen. Es sollen auch wieder Zuschauer erlaubt sein.

Hans-Peter Becker

Wer hat die bessere Zukunftsperspektive, Hertha oder Union?

Beide Hauptstadtclubs beendeten die letzte Saison punktgleich mit je 41 Punkten. Ganze sechs Tore trennte Platz 10 (Hertha) von Platz 11 (Union). Jetzt darf man gespannt sein, wie der Wettstreit für eine weitere erfolgreiche Zukunftsplanung ausgeht. Unions Manager Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer arbeiten gut abgestimmt und beachtlich erfolgreich zusammen. Der Coach meint sogar, überhaupt keine Probleme mit Typen wie Max Kruse zu haben. Bei Hertha kann Michael Preetz von großem Glück sprechen, das ist meine Meinung, planerisch Bruno Labbadia  an der Seite zu haben.

Unter Labbadia – nach dem Re-Start in Hoffenheim (Mitte Mai) mit einer Oldi-Mannschaft (durchschnittlich 28,1 Jahren) – setzte eine Verjüngungskur von jetzt 23,7 Jahren im Schnitt ein. Per Skjelbred (33), Vedad Ibisevic (35) und  Salomon Kalou (34) stehen als Abgänge fest. Zugänge haben dem Alter nach Perspektive, auch wenn, so jedenfalls urteilt Labbadia , die jungen Neuverpflichteten Zeit brauchen. Mit Lucas Tousart (23), Deyovaisio Zeefuik (22), kam mit Matheus Cunja (21) ein noch jüngerer dazu. Aus Freiburg kam Torwart Alexander Schwolow, mit 28 Jahren ein erfahrener Akteur.

Konkurrenz belebt garantiert das Geschäft. Außerdem währt Transferperiode diesmal besonders lang, bis 5. Oktober. Da kann sich noch viel tun. Der nach Berlin zurückgekehrte Ronny wird es trotz aller Entschlossenheit wahrscheinlich nicht in der Eliteliga schaffen. Anders verhält es sich bei dem Noch-Schalker Weston McKennie. Bis zur Stunde laufen da noch Verhandlungen mit Schalke.

Wie kann man Hertha nur mit Union vergleichen. Natürlich ist ein neuer Trikotsponsor für Hertha ein wesentlicher Teil für die Saisonkalkulation. Im Verhältnis zu Union scheint bei Hertha der Geldfluss schier grenzenlos zu sein. Werner Gegenbauer verkündete: „Wirtschaftlich stand unser Verein in seiner Geschichte nie besser da“. Investor Lars Windhorst hielt bisher 49,9% der Anteile an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA, die Quote beläuft sich nunmehr mit weiteren 150 Mio mit seiner Tennor Holding auf 66,6 Prozent. Das sind 374 Mio Euro in Herthas Kasse. Was ist eigentlich mit der 50+1 Regelung? Die Verantwortlichen fanden dafür ein passendes Konstrukt. „Gegen die 50+1-Regel, die besagt, dass nur Kapitalgesellschaften am Spielbetrieb teilnehmen können, an denen der Verein die Mehrheit der Stimmanteile hält, verstößt dieses Konstrukt nicht. Die Anteile der Komplementär-GmbH werden weiter von Herthas Geschäftsführung gehalten.“

Einen solchen Handlungsspielraum wünscht sich jetzt zu Corona-Zeiten so mancher Club, um aus dem Vollen schöpfen zu können. Der 1. FC Union muss da wesentlich kleinere Brötchen backen und weiß, dass das zweite Jahr für Aufsteiger oft das schwerste ist.

Was macht Torjäger Sebastian Andersson ? Vielleicht bleibt er trotz Ausstiegsklausel, so hoffen die Eisernen, weil Max Kruse auch einer fürs  Tore-Vorbereiten ist. Mit Kruse zusammen auf Torejagd zu gehen fördert nicht nur die Spielfreue, Andersson könnte von Kruse profitieren und damit seinen Marktwert erhöhen.

Im Fußball ist zwar alles möglich. Ob allerdings Union wieder pari mit Hertha aus der neuen Saison gehen wird, dem Kapital, den wirtschaftlichen Gegebenheiten nach, wird’s schwer.

Bei der Zusammenstellung des Kader, macht Union eher das Gegenteil. Mit Julius Kade, Lennard Maloney und Florian Flecker gehen jüngere Spieler. Mit Robin Knoche, VfL Wolfsburg und eben Max Kruse kommen ältere, erfahrene Spieler neu hinzu. Der von Fans geliebte Torsteher Rafal Gikiewicz wird von Andreas Luthe (Augsburg) ersetzt. Philipp Hofmann aus Karlsruhe steht auf der Liste der Köpenicker und ist dem Lebensalter nach in die Kategorie Erfahrung einzuordnen. Beim 1. FC Union ist demzufolge noch nicht aller Tage Abend in der Kaderplanung. Wir drücken dem Club die Daumen, wünschen uns Union weiter in der 1. Bundesliga. Berlin tun zwei Hauptstadtclubs gut.

Christian Zschiedrich

Daumendrücken für Hertha BSC

Das letzte 34. Saisonspiel ging in Gladbach zwar 1:2 verloren, dennoch gibt es viele positive Signale beim Hauptstadtclub für die Zukunft. Neuer Sportdirektor ist Arne Friedrich (41), der im November 2019 von Jürgen Klinsmann zu Hertha, von 2002 bis 2010 in 231 Erstligapartien, davon sechs Jahre als Kapitän und der mit Trainer Bruno Labbadia in Bielefeld ein Jahr gemeinsam spielte, geholt. Er hat den Vertrag mit BSC bereits unterschrieben. Hertha hat also mit dem Geschäftsführer Sport Michael Preetz einen namhaften und fachkundigen Sportdirektor und einen erstklassigen Trainer. Dank Labbadia schaffte Hertha BSC nicht nur mit 41 Punkten den Klassenerhalt, sondern seit undenkbar vielen Jahren erstmals wieder in der Rückrunde mehr Punkte als in der Hinrunde.

In den Gazetten steht auch noch geschrieben, mit sechs Toren besser als der siegreiche Aufsteiger  1. FC Union (3:0 über Düsseldorf), ebenfalls 41 Punkte, holten sie die inoffizielle Stadtmeisterschaft. Was Stadtmeister  in der Eliteliga auch sein mag. Das Husarenstück am letzten Spieltag schaffte Werder Bremen mit dem 6:1 über den 1.FC Köln, den umjubelten, nicht mehr für möglich gehaltenen Relegationsplatz, dank auch Unions Sieg gegen Absteiger Düsseldorf. Bereits am Donnerstag, 2. Juli, kommt es zur Relegationsbegegnung  Werder Bremen – 1. FC Heidenheim, weil der Hamburger SV sein Heimspiel 1:5 gegen Sandhausen verlor und nur Vierter wurde – Heidenheim verlor zwar ebenfalls – 0:3 in Bielefeld – schaffte aber hinter Aufsteiger Arminia Bielefeld und VfB Stuttgart trotz Niederlage die Relegation. Am Montag, 06. Juli, findet, ebenfalls um 20.30 Uhr, das Rückspiel in Heidenheim statt. Favorit dürfte der Bundesligavertreter sein.

Dresden und Wiesbaden steigen in Liga 3 ab. Der 1.FC Nürnberg muss mit 37 Punkten in die Relegation. Die punktgleichen Karlsruher retteten sich mit dem besseren Torverhältnis (2 Tore besser). Hochinteressant werden auch in Corona-Zeiten die Trainer- und Spielerwechsel. Wir bleiben natürlich dran an den Transfers. Totalschaden beim HSV und auf Schalke ist die Clubführung in der Kritik. Aufsichtsrat Clemens Tönnies wird ebenfalls die Schlagzeilen beherrschen. Dabei nicht zu vergessen, in vielen Clubs laufen zahlreiche Verträge aus.

Christian Zschiedrich

Hertha trudelt aus und Union ist fast am Ziel

Die Saison wird für beide Berliner Proficlubs ein verhältnismäßig gutes Ende nehmen. Die Hauptstadt wird in der kommenden Saison als einzige Bundesligastandort mit zwei Vereinen vertreten. Vor dem 32. Spieltag mag beim 1. FC Union noch ein kleines Fragezeichen stehen, die Restzweifel sollten recht schnell beseitigt sein. Ohne überheblich zu werden, ein Sieg gegen die faktisch abgestiegenen Paderborner ist Pflicht. Im Falle einer großen Überraschung, einer Niederlage gegen Paderborn, könnte die Partie am letzten Spieltag daheim gegen Düsseldorf nicht nur für die Gäste große Bedeutung erlangen. Von Austrudeln kann in Köpenick nicht die Rede sein, ganz im Gegensatz zum Ortsrivalen.

Jetzt hat es auch Hertha erwischt, gegen Frankfurt war nichts zu holen. Die Blau-Weißen liefen förmlich auf der Felge. Die komplette Halbzeit zwei mussten mit 10 Mann absolviert werden. Boyata sah in der Nachspielzeit glatt rot, für ein geschicktes Foul im Strafraum. Da musste schon die Lupe bemüht werden. Jetzt hoffen sie bei der Hertha nach der 1:4 Klatsche wenigstens auf eine milde Bestrafung des Rotsünders. Zum letzten Heimspiel kommt Leverkusen ins Olympiastadion, gewissermaßen zur Generalprobe für das Pokalfinale. Die Bayer-Elf will in die Champions-League und hat nichts zu verschenken. Zum nächsten Spieltag muss die Alte Dame weit reisen, bis in den Schwarzwald. Das Spiel beim SC Freiburg hat lediglich Bedeutung für die Geldtabelle.

Die Eisernen besannen sich in Köln auf ihre alten Tugenden. Sie wollten einfach den Sieg etwas mehr als der Mitaufsteiger. Spielerisch lief auf beiden Seiten nicht viel zusammen, zum Glück gibt es Eckbälle, hochgewachsenen Innenverteidiger und den ausgebufften Christian Gentner. Sein Tor zum zwischenzeitlichen 2:0 war nicht nur sehenswert, es zu 99,8 % der Klassenerhalt und ein Empfehlungsschreiben für ein weiteres Jahr im Trikot der Eisernen. Oliver Ruhnert darf sich über seinen Schachzug freuen. Zu Beginn der Saison hatte die Verpflichtung des Ex-Stuttgarters für Verwunderung gesorgt. Mit dem VfB hatte er vor einem Jahr die bitteren Minuten des Abstiegs erleben müssen, stand vom Anpfiff bis Ende auf dem Rasen der Alten Försterei und stellte sich im Anschluss in der Mixed-Zone noch den Fragen der Journalisten. In seiner fußballerischen Heimat wollten sie ihn nicht mehr – so griffen die Eisernen zu. Er würde gern noch weiter spielen, am liebsten in Berlin.

Hans-Peter Becker

Hertha ist durch und Union braucht noch Punkte

Fußball gespielt wird in der laufenden Saison lediglich in den ersten drei Ligen. Ab der Regionalliga ist die Saison beendet. Mal sehen, wie es hier im Herbst weitergeht. Die beiden Berliner Bundesligisten haben sich am 30. Spieltag nicht gerade mit Ruhm bekleckert. In Dortmund riss Herthas Siegesserie. Das 0:1 war die erste Niederlage unter dem neuen Hertha-Trainer Bruno Labbadia. Ein kleiner Fehler zu viel, ansonsten war die Alte Dame mit dem Meisterschaftsanwärter auf Augenhöhe. Ein Auswärtspunkt wäre nicht unverdient gewesen. Die Niederlage tut nicht weiter weh, nach der Corona-Siegesserie ist Hertha jenseits von gut und böse. In der nächsten Saison, wann immer sie auch beginnen wird, die blau-weißen aus Charlottenburg werden weiter erstklassig dabei sein. Die 10 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz bei 12 noch zu vergebenden Punkten sollten reichen.

Beim zweiten Berliner Vertreter sieht die Sache leider anders aus. Das Gröbste ist geschafft, die Ausgangslage könnte schlechter sein. Fakt ist, die bisher erreichten 32 Punkte werden nicht reichen. Die Knochenmühle Relegation wollen sich die Eisernen ersparen. Das Heimspiel gegen den FC Schalke 04, war – mal abgesehen von den ersten zwanzig Minuten – sportliche Not gegen das Elend der Umstände. Es sah bis zur 28. Minute so aus, als würden die rot-weißen aus dem Berliner Osten endlich mal einen ungefährdeten Heimsieg einfahren können. Robert Andrich hatte mit seinem ersten Bundesligatreffer nach nur 11 Minuten für die Führung gesorgt und der zweite Treffer schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Es kam anders, die Knappen glichen aus, mit einem Tor aus dem berühmten Nichts. Robert Andrich ist bei den Eisernen etwas mehr für das Verhindern von Toren zuständig. Der gebürtige Potsdamer, aus dem Hertha-Nachwuchs stammend und zu Beginn der Saison aus Heidenheim gewechselt, hat sich bei Urs Fischer einen Stammplatz im defensiven Mittelfeld erspielt. Für eine filigrane Spielweise ist er nicht bekannt. Gerade von einer gelb-rot Sperre zurückgekehrt, kassierte er gegen Schalke die zehnte Gelbe der Saison. Schalkes Torschütze Jonjoe Kenny, Leihgabe vom Premier-Ligisten FC Everton, wie Andrich mit 28 Saisoneinsätzen, bringt es erst auf vier gelbe Karten. Seine ausgefeilte Schusstechnik beendete die Hoffnung der Eisernen auf den ersten Sieg in der Corona-Runde. Gegen die ersatzgeschwächten Schalker, sie konnten nur mit 16 Spielern nach Berlin reisen, fanden die Gastgeber in der Alten Försterei keine spielerischen Mittel, um die kriselnden Schalker ernsthaft gefährden zu können.

Die Heimspiel ohne Zuschauer sind für den Aufsteiger bisher eher ein Fluch. Es stehen in der Wuhlheide deren zwei noch auf dem Plan. Der zukünftige Zweitligist Paderborn mit Trainer Steffen Baumgart und zum Saisonabschluss kommen die Düsseldorfer mit Steven Skrzybski. Da sollte doch was gehen.

Hans-Peter Becker