Lassen wir im 2. Teil den Betroffenen selbst zu Wort kommen, wie es war, als Christian Zschiedrich den bisher schlechtesten Zweitligaabsteiger aller Zeiten als Trainer übernommen hatte:
Heinz Balzer holte mich als Trainer für die neue Saison 76/77. Ich bat um kurze Zeit des Bedenkens, was mich wohl in den nächsten zwei Jahren, so der Vertrag, alles erwarten würde? Schließlich hatte ich nach Rückkehr aus dem Bundesgebiet mit Union 06 im Poststadion die Oberliga halten können, obwohl Peter Stark im Anhang mit acht Spielern die Mannschaft verlassen hatte. Ich hatte mir dadurch einen guten Ruf jetzt auch in Berlin erarbeitet. Die Trainer B-Lizenz machte ich bei Dettmar Cramer in Duisburg, als jüngster Teilnehmer mit Sondergenehmigung und zum Spandauer SV kam ich durch Empfehlung aus Hennef. Ich war jetzt frisch gebackener DFB-A-Lizenzinhaber, erworben in Lehrgängen unter der Leitung von Karl-Heinz Heddergott.
Mit Heinz Balzer hatte ich ein ausgesprochen gutes Einvernehmen und freundschaftlich entwickelte sich das Verhältnis zum Geschäftsführer Manfred Bartels. Verwundert war ich über eine Warnung gegenüber der Person von Lothar Berger. Er hatte als mein Vorgänger auf dem Trainerposten den Verein nicht verlassen, sondern blieb in neuer Funktion 2. Vorsitzender.
Für mich ein Desaster und für den Verein ein Schock, am 8. Oktober 1976 trat der SSV-Vorsitzende Heinz Balzer von seinem Amt zurück. Lothar Berger rückte auf die Position des 1. Vorsitzenden nach. Was ich mir dann erlaubte, das darf man als Trainer nicht. Ich gestehe, unüberlegt gehandelt zu haben. In einer Mannschaftssitzung nannte ich Lothar Berger, den 1. Vorsitzenden und somit meinen Vorgesetzten, eine „schillernde Pappfigur“!
Die Folgen blieben nicht aus. Was es an Möglichkeiten gibt, gegen einen Trainer zu Felde zu ziehen, war mir in meinem Wirken bisher verborgen geblieben. So etwas kannte ich nicht. Ich hatte einen Absteiger übernommen, da war nicht nur nur eitel Sonnenschein. Mir war der Fitnesszustand der Mannschaft nicht verborgen geblieben. Voller Einsatz, nicht nur im Spiel, auch im Training war angesagt. Das Abwehrverhalten und die Zweikampfführung mussten sich ändern. Zudem brauchte die Mannschaft wieder mehr Selbstvertrauen.

Bei allen anfänglichen Schwierigkeiten machten wir sichtbare Fortschritte. Das registrierten auch unsere Anhänger. Am Anfang stand ein unerwarteter Sieg im DFB-Pokal auswärts mit 3:1 in Niederembt. Wir erreichten die 2. Runde im Pokal. Unseren Torjäger Manfred Schwarze machte ich vor dem Spiel mit einer Wette heiß: „Wenn du ein Tor schießt, springe ich per Köpper vom Zehnmeterturm“. In der Sonntagsausgabe des Spandauer Volksblattes stand am 8. August 1976 in großen Lettern: SSV-Trainer sprang vom Zehnmeterturm und im darunterstehenden Bericht wurde ausführlich beschrieben, wie der SSV dreimal eiskalt konterte.
Es blieb dabei, ohne Fleiß kein Preis. Trainiert wurde auf dem „Schmuckstück“ an Neuendorfer Straße. So kamen wir immer besser in Schwung. So ganz nebenbei, der Vater von Neuzugang André Niespodziany verriet mir vor dem Pokalerfolg: „Konditionell ist mein Sohn fit wie noch nie“.
Es gab weiter positive Schlagzeilen. Die Berliner Morgenpost titelte am 23. Dezember 1976 : „SSV gewann Pokal und Paris-Reise“. Das Finale bei einem Hallenturnier wurde durch den Siegtreffer von Frank Marczewski über Herthas Amateure gewonnen. Dennoch ging das schmutzige Wäschewaschen gegen den Trainer weiter. Die Reise nach Paris durfte ich schon nicht mehr mitmachen. Ich wurde offiziell sogar einmal für einen Tag von Lothar Berger beurlaubt. Er übernahm das Training.
Fünf Spiele vor Saisonende hatte ich es mit der Mannschaft geschafft, endlich wieder die Tabellenführung in der Oberliga einzunehmen. Ich fühlte mich wie ein Gewinner. Auf Betreiben von Lothar Berger wurde ich meines Traineramtes enthoben. Der BFV bot mir das satzungsgemäße Schlichtungsverfahren an. Das führte zu keiner Einigung. Demzufolge blieb mir nur die Klage vorm Arbeitsgericht. Sie ging zu meinen Gunsten aus. Der SSV musste blechen. Als Trainer beerbte mich Gerd Achterberg, der prompt die letzten drei Spiele mit dem SSV verlor. Der Meistertitel wurde verspielt. Erfolgscouch Gerd Achterberg und ich blieben Freunde. Was aus Lothar Berger geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Man sieht sich im Leben oft zweimal. 1978 war ich in Heiligensee mit meinem Hausbau beschäftigt. So war es mir nicht möglich, mehrmals wöchentlich mit einem Oberligaverein zu trainieren. An Wochenenden war man ja ohnehin als Trainer immer sehr eingespannt. Der SC Heiligensee, quasi vor meiner Haustür, rannte mir die Bude ein. Nun, zweimal in der Woche mit einem C-Klassen-Verein zu arbeiten, das war zu schaffen. Es war ein angenehmes Arbeiten. Der Erfolg blieb erneut nicht aus. Wir schafften den Aufstieg! Unvergessen wurde wieder ein Pokalspiel. Uns wurde als C-Klassenvertreter im Berliner Pokal die Oberligamannschaft des Spandauer SV zugelost. Oberliga gegen C-Klasse am Elchdamm, wird ja wohl hoffentlich nicht zweistellig werden. Im Gegenteil, uns gelang die Sensation, der C-Klassenverein SC Heiligensee schoss den Oberligisten Spandauer SV aus dem Berlin-Pokal!
Es tut mir bis heute weh. Der 1894 gegründete Spandauer SV ist jetzt Geschichte und wurde 2016 aus dem Vereinregister gelöscht.
Christian Zschiedrich

Ein Kommentar zu „Die „schillernde Pappfigur“ des Spandauer SV – Berliner Fußballgeschichte(n) Teil 2“