Pokalspiele sind durch positive Überraschungen von unterklassigen Vereinen Jahr für Jahr von Interesse. Allein deshalb, weil mit wenigen Spielen im Vergleich zu Meisterschaftspielen, Titel in Verbindung mit emotionalem Aufschwung und Geldern gewonnen werden können. Das hilft oft existenziell nicht nur höher einzuschätzenden Clubs, sondern auch sogenannten kleinen Vereinen. Da gab es die tollsten Geschichten. Persönlich erlebte ich das mit Hellas Nordwest in Berlin. Uns gelang, auf dem Weg ins Endspiel namhafte Traditionsvereine aus dem Wettbewerb zu schmeißen. Als Trainer war ich mit Interviews besonders gefragt und die Spieler meinten unmittelbar vor dem Finale gegen Wacker 04, so etwas als Amateur noch nicht erlebt zu haben. Plötzlich erschien zu den Trainingseinheiten ungewohnt viel Presse. Spieler sollten sich doch einmal symbolisch die Kletterstange hinauf angeln, dann wurden besondere Schussszenen von ausgesuchten Spielern und letztlich auch ein Mannschaftsfoto aufgenommen. Das alles schadete dem Vereinsimage keineswegs, im Gegenteil, die Aufmerksamkeit tat gut, auch wenn an ein geordnetes Training dabei kaum noch zu denken war. Bei den Fußballern in aller Munde zu sein, förderte sogar im Amateurbereich den Zugewinn, Spieler für die neue Saison zu bekommen. Die Brisanz war zu spüren, die Frage, schaffen wir, der Klassentiefere es, den Oberligisten im Pokalendspiel an der Plumpe zu besiegen? Nein, Wacker gewann unter Trainer Klaus Basikow mit 4:1 (2:1).

Drei Jahre darauf wurde ich mit dem aus der 2. Liga abgestiegenen Spandauer SV Berliner Pokalsieger. Die zudem gewonnene Frankreich-Fahrt durfte ich als Trainer aber nicht mehr erleben, wurde kurz zuvor entlassen. Als heute noch schlechtester Zweitligist-Absteiger, mit enorm vielen Gegentoren und Niederlagen, waren besondere Probleme zu bewältigen und der Start in die Oberliga-Saison demzufolge schwierig. Im Laufe der Saison verbesserten wir uns von Spiel zu Spiel und holten in der Tabelle entsprechend auf. Dazu die Story, als Berliner Vertreter waren wir ja im Lostopf der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals und mussten am 7.8.1976 nach Niederembt zum NRW-Verbandsligisten ins Stadion Elsdorf reisen. Der SSV kann ja doch noch gewinnen. Wir überstanden tatsächlich die 1. Hauptrunde, siegten sogar verdient, Ergebnis 3:1 (1:0). Siehe dazu die dokumentierte Story von Hans Peter Becker auf www.sportick.eu/die-schillernde-pappfigur-des-spandauer-sv-berliner-fussballgeschichten-teil-2 vom 12.08.2020. Gerade, als wir fünf Spieltage vor Saison-Ultimo die Tabellenführung geschafft hatten, bekam ich, trotz des Erfolges, den Laufpass. Ja, das gab es in der Tat. Ausschlaggebend war eine riesengroße Dummheit von mir, meinen Vorgänger auf dem Trainerposten genervt in einer Mannschaftssitzung als „schillernde Pappfigur“ zu betiteln. Das war er ja gar nicht – der war inzwischen im Vorstand zum 1. Vorsitzenden aufgestiegen.
Kurz die Folgen zusammengefasst. Der SSV verpflichtete sofort einen in Berlin sehr bekannten und erfolgreichen Trainer. Viele Spieler und sogar Vorstandsmitglieder verstanden meine Entlassung, eben wieder oben stehend, in der Endphase nicht. Alle ausstehenden fünf Spiele wurden verloren. Ich selbst verstand die Welt nicht mehr. Mir blieb im Endeffekt nur die Klage. Den Prozess gewann ich mit Pauken und Trompeten. Ab sofort widmete ich mich der Pressearbeit. Schrieb für Fach- und Lokalzeitungen und beantragte eine Lizenz bei der Medienanstalt für die lokale Fernsehsendung TV Sport in Berlin, die sich in 25 Jahren gewaltig mauserte.
Der in Berlin ehemals glänzende Spandauer Sportverein, den gibt es leider nicht mehr. 2016 wurde er aus dem Vereinsregister gelöscht. Während meiner Häusle-Bauzeit hatte ich verständlicherweise vorübergehend nicht mehr die Zeit, einen Verein zu trainieren. Vor meiner Haustür rannte mir der C-Klassen-Verein SC Heiligensee hinterher und die Tür ein. Nur zweimal Training in der Woche und überschaubare Vorbereitungs- und Wettkampfzeit mit der Mannschaft, beim wiederholten Besuch ließ ich mich doch überreden, wieder Trainer, wenn auch in der untersten Klasse zu werden. Wie das Schicksal es so wollte, wurde uns im Berlin-Pokal Oberligist Spandauer SV zugelost. Voller Ehrgeiz wollten wir die zu erwartende Niederlage in Grenzen halten und das Gesicht wahren. Welch ein Paukenschlag, der C-Klassenverein SC Heiligensee gewann 1:0 und schmiss damit den Oberligisten aus dem Berlin-Pokal. Ich hab noch nicht einmal recherchiert, ob es so etwas überhaupt bereits einmal gegeben hat!
Nun zum aktuellen Länderpokal. Solche Überraschungen fielen diesmal in der dritten Runde aus. Die namhaften Vereine, die in den letzten Jahren das Finale erreichten oder sogar das Endspiel gewannen, ließen sich in der 3. Hauptrunde des Landespokals den Sieg nicht nehmen. So gewann der Regionalligist BFC Dynamo mit 2:0 gegen den Oberligisten SV Tasmania. SD Croatia aus der Berlin-Liga verlor 0:3 gegen den Berliner AK. Mit dem gleichen Ergebnis siegte Eintracht Mahlsdorf (Oberliga) beim BFC Preussen (Berlin-Liga) 3:0. Deutlicher machte es Viktoria 89 (Regionalliga) beim BSV Heinersdorf (Landesliga) mit 5:0. Im Spiel Landesliga – Oberliga, Berolina Stralau (Landesliga) – TuS Makkabi (Oberliga) stand es am Ende1:4. Selbst der Frohnauer SC (Berlin-Liga) siegte 5:1 bei der DJK Neukölln (Landesliga). Berlin-Ligist SC Charlottenburg hatte es beim Bezirks-Ligisten Union 06 schon schwerer, mit 2:1 weiterzukommen. Zweistellig, mit 12:0 endete das Match beim SC Siemensstadt (Kreisliga B) für Lichtenberg 47 (Oberliga). „Nur“ mit halb so vielen Toren 6:1 ging die Partie für Stern 1900 (Berlin-Liga) bei Deportivo Latino (Kreisliga B) erfolgreich aus.
Christian Zschiedrich
