Viktoria holt sich den Pott

Am Abend wurde das jährliche Hochamt des Profifußballs zelebriert. Im Berliner Olympiastadion holte RB Leipzig in einer dramatischen Auseinandersetzung mit dem SC Freiburg den ersten Titel der Vereinsgeschichte. Es war restlos ausverkauft, eine Zusatztribüne errichtet, so konnten 74.322 Zahlende ins Stadion.

Zu mittäglicher Stunde desselben Tages, nur wenige Kilometer vom Olympiastadion entfernt, fand im Rahmen des Tages der Amateure das Endspiel um den Berliner Pokal statt. Bedauerlich, das muss man sagen, fast unter freiwilligem Ausschluss der Öffentlichkeit. Lediglich 1.215 Zahlende gab der wieder als Stadionsprecher engagierte Karsten Holland bekannt. Dabei war es eine alles andere als unattraktive Paarung im neuen Endspielort, dem Mommsenstadion. Der leider nun ehemalige Drittligist Viktoria spielte gegen die VSG Altglienicke. Es war ähnlich dramatisch, wie Stunden später im Olympiastadion.

Die Mannschaft, die die Saison im halbwegs bezahlten Fußball verbracht hatte, bestimmte über weite Strecken das Spiel. Nur das erste Tor im Spiel gelang den Volkssportlern, in der 40. Minute überwand Uzan Tugay den Torwart mit einer Bogenlampe. Philip Sprint sah da nicht gut aus. Es war das Tor aus dem Nichts, was sich so rein gar nicht andeutete.

In der zweiten Halbzeit hatte Viktoria weiter die größeren Spielanteile, während Altglienicke leidenschaftlich verteidigte und einige gefährliche Konter inszenierte. Der in der 60. Minute eingewechselte Paul-Vincent Manske hatte zweimal die Vorentscheidung auf dem Fuß und scheiterte.

Fotos:© Hans-Peter Becker

Der Traum vom Pokalsieg zerplatzte für den Regionalligisten auf die brutalst mögliche Weise. Zwei Tore in der Nachspielzeit durch Lukas Pinkert und Soufian Benyamina entrissen der Elf von Karsten Heine den Pott.

In der Pressekonferenz äußerte Heine seine Kritik an Schiedsrichter Pascal Wien. Eine Tätlichkeit von Viktoria-Kapitän Christoph Menz blieb ungeahndet. „Der Menzer hätte das Spiel nicht beenden dürfen.“ Trotzdem gratulierte er seinem Kollegen zum Sieg und Viktorias Trainer verkündete auf Nachfrage, dass er bei Viktoria nicht weitermachen wird. Sein Vertrag galt nur für die 3. Liga.

Im Kader der Himmelblauen wird es weitere Veränderungen geben. Umso bemerkenswerter war, dass sich die Mannschaft nach dem enttäuschenden Saisonende nochmals zu solch einer Energieleistung aufschwingen konnte.

Hans-Peter Becker

AOK Pokal Finale

21.05.2022 12:15 Uhr Mommsenstadion Berlin

VSG Altglienicke – FC Viktoria 1889 Berlin 1:2(1:0)

Mannschaftsaufstellungen

Viktoria: Sprint – Lewald – Makreckis (80. Hahn) – Theisen (77. Ogbaidze) – Küc – Falcao (65. Hovi) – Kapp – Seiffert – Jopek (65. Benyamina) – Pinckert – Menz

VSG Altglienicke: Bänge – Liebelt (ab 60. P.V. Manske) – Zeiger – Uzan (ab 69. Breitkreuz) – Derflinger (ab. 69. Skoda) – Inaler – Häußler – Belegu – J. Manske – Dem (ab 84. Pütt) – Brehmer

Schiedsrichter: Pascal Wien (SC Borsigwalde)

Assistenten: Fabian Zastrow, Marcel Mallassa, Gunnar Mielenz

Berliner Profifußball zwischen Hoffen und Bangen

Beginnen wir mit dem 1. FC Union, dem aktuellen Aushängeschild des hauptstädtischen Fußballs. Ihnen gelang jetzt endlich mal ein Sieg in Leipzig, bei den von den Fans der Eisernen überhaupt nicht geschätzten Rasenballern. Es wurde wieder am Anfang geschwiegen und am Schluss gejubelt. Es war ein Sieg des kleinen Mannes. Die Punkte könnten wertvoll werden, es winkt das international kleinere Geschäft in der zweiten oder dritten europäischen Spielklasse. Und mit ganz, ganz viel Glück sogar der Fleischtopf Champions-League. Die nächsten beiden Aufgaben heißen Absteiger Greuther Fürth zu Hause und SC Freiburg auswärts. So schön der Punktspielsieg in Leipzig auch war – Unioner geben niemals auf – umgekehrt wäre ihnen tausendmal lieber gewesen.

Im Abendspiel machten die Münchner Bayern ihren Meistertitel perfekt, es wurde Titel Nummer 10 in Folge. Solch eine Serie konnte bisher nur der BFC Dynamo vorweisen, von 1979 bis 1989 in der Oberliga der DDR. Solche eine Dominanz tut keiner Fußballliga gut, aber was sollen sie machen, die Bayern? Bleibt der restlichen Konkurrenz erneut nur übrig, als brav zu gratulieren. Der BFC könnte es in diesem Jahr schaffen, in den wenigstens halbwegs bezahlten Fußball zurückzukehren. Meister der Regionalliga Nordost sind sie fast, es steht allerdings noch eine Relegation mit dem Meister der Nordstaffel aus.

Am Sonntagabend holte Hertha BSC drei ganz wichtige Punkte gegen den Abstieg. Mit viel Mühe wurden die mit gefährdeten Stuttgarter, vor 55.000 Zuschauern, im Oly mit 2:0 bezwungen. Der Rest war egal, das Hoffen und Bangen geht weiter.

Genauso ergeht es dem Berliner Drittligisten aus Lichterfelde. Es klappte nicht mit einem Punktgewinn in Würzburg, bei den fast abgestiegenen Kickers. Im Gegenteil, die können wieder etwas Hoffnung schöpfen nach ihrem 3:0 Erfolg über die Himmelblauen. Nächster Gegner im Jahnsportpark ist der 1. FC Saarbrücken, der leider keine Schützenhilfe leistete und sein Heimspiel gegen den SC Verl mit 1:2 verlor. Was Verl konnte, sollte Viktoria versuchen zu wiederholen. Ein Sieg gegen die Blau-Schwarzen aus dem Ludwigspark wäre nicht schlecht. Saarbrücken ist jetzt seit fünf Spielen sieglos, macht es wieder, wie gegen Magdeburg.

Hans-Peter Becker

Union scheitert kurz vor dem Ziel

„Trotz überzeugender Leistung und eines ausgeglichenen Spiels – so sahen die Eisernen ihren Auftritt in Leipzig – musste sich der 1. FC Union Berlin im DFB-Pokal-Halbfinale gegen RasenBallsport Leipzig durch einen Treffer in letzter Minute mit 1:2 geschlagen geben.“

Den spielentscheidenden Treffer erzielte in der zweiten Minute der Nachspielzeit, der in der 62. Minute eingewechselte Emil Forsberg per Kopf. Forsbergsche Kopfballtreffer sind eher selten, bei 1,77 m Körpergröße verständlich. Unions Innenverteidiger sind etwa 10 cm größer, trotzdem konnten sie den entscheidenden Treffer nicht verhindern.

Die Eisernen spielten am Limit und fast wäre ihr Matchplan aufgegangen. Ein frühes Tor und dann die Führung verteidigen oder maximal den Ausgleich hinnehmen. Anschließend dann in der Verlängerung oder beim Elfmeterschießen auf das Glück vertrauen, da waren sie nah dran, es fehlten nur Zentimeter.

Die Leipziger begannen sehr nervös, wollten ein frühes Gegentor verhindern. Das gelang nicht, Sheraldo Becker brauchte nach einem Diagonalpass von Christopher Trimmel nur den Fuß hin halten und es war passiert. Die Führung hielt bis zur 61. Minute, oft hatten sie vom Videobeweis profitiert, erinnert sei hier an das Relegationsrückspiel gegen Stuttgart (11. Spielminute nach dem vermeintlichen Tor von Dennis Aogo). Diesmal wendeten sich die Videobilder gegen die Eisernen. Es war ein klares Foul von Paul Jaeckel an Christopher Nkunku. Schiedsrichter Felix Brych hatte nicht gepfiffen, es meldete sich Video Assistant Referee und nach mehrfachem Sichten, konnte die Entscheidung nur Foulelfmeter für Leipzig lauten. Würde es den Videobeweis nicht geben, wer weiß, wer weiß.

Leipzig spielte mit zunehmender Spieldauer seine besseren individuellen Qualitäten aus und hatte eben das Glück in der Nachspielzeit.

Die mitgereisten Anhänger der Eisernen schwiegen in den ersten 15 Minuten, aus Protest gegen das Konstrukt RB Leipzig. Das war geschenkt, das ist eben Profifußball und ich weiß nicht, ob Derbys in der Regionalliga Nordost wirklich eine Alternative darstellen. Einmal Bundesliga, immer Bundesliga, das wollen die Anhänger von Union doch auch. Man muss andere nicht belehren, viele Wege führen schließlich nach Rom und Geschäft ist Geschäft.

Kompliment für diese Leistung und am kommenden Samstag, 23. April ist die Chance auf eine Revanche.

Hans-Peter Becker

Hertha lehrt Dortmund das Fürchten

Nach dem 0:4 gegen Mainz 05 und der schwankenden Leistungen wegen, gaben viele Berliner keinen Pfifferling mehr auf Hertha BSC gegen Borussia Dortmund. Bielefeld hatte tags zuvor in Leipzig 2:0 gewonnen und damit Hertha in der Tabelle überholt. Sogar eingefleischte Herthaner rechneten: Wenn Hertha bei 18 Punkten nach der Hinrunde bleibt und genauso viele in der Rückrunde holt, dann käme Hertha am Ende auf 36 Punkte. Damit sind aber schon viele Vereine abgestiegen. Um sicher zu gehen, benötigt man zum Klassenerhalt erfahrungsgemäß 40 Punkte. Entsprechend dieser Hochrechnung hätte Hertha schließlich 42 Punkte und bliebe in der Bundesliga. Dem Geld und der eigenen Ansprüche nach keinesfalls das Gelbe vom Ei, aber immerhin…

Kommentar Chefredakteur Christian Zschiedrich Foto: © Sportick

Der 17. Spieltag bescherte den Berliner Clubs, wer hätte das gedacht, sechs Punkte. Der 1. FC Union gewann auswärts in Bochum, keineswegs etwa einfach, 1:0 und sicherte sich mit den letzten drei gleich 27 Punkte, Hertha BSC kommt auf 21 Punkte und damit auf Tabellenplatz 11. Union muss zum Rückrundenauftakt nach Leverkusen und Hertha hat am Sonntag, 09. Januar 2022 gleich wieder ein Heimspiel, empfängt um 15.30 Uhr den 1. FC Köln. Die Kölner müssen sich warm anziehen, wenn Hertha mit der Einstellung über 90 Minuten und Nachspielzeit wie gegen Dortmund spielt. Aber Moment mal, die Kölner können doch auch leidenschaftlich kämpfen. Weshalb jedoch wurde der 3:2-Sieg der alten Dame über Dortmund überhaupt möglich? Trotz des Pausen-Rückstandes und obwohl  Hertha-Trainer Tayfun Korkut nach der Blamage in Mainz einige Ausfälle ausgerechnet gegen die Borussen zu verkraften hatte.    

Jeder der Zuschauer sah von der ersten Minute an, wie sich Hertha gegen die Umstände und einer im Grunde überlegenen Mannschaft stemmte. Mit solch einer Körpersprache war Hertha bisher nicht aufgelaufen. Geradezu bissig und aggressiv wurde um jeden Ball und jeden Zentimeter Boden gekämpft. Zweikämpfe wurden nicht nur angenommen, sondern sogar gesucht – mit großem  Durchsetzungsvermögen und starkem Willen in den Duellen. Natürlich liefen die Herthaner gegen Ende auf dem Zahnfleisch. Doch die Willenskraft  erlahmte nicht. Welch großartiges Laufvermögen. Da war doch tatsächlich einer für den anderen Mitspieler da und in der Regel Sekunden vor den Dortmundern am Ball. Lobenswert wie die Lücken geschlossen und wie zielstrebig Konter gefahren wurden. Der Ball wurde nie aus den Augen gelassen und der Gegner auch nicht. Keiner verkroch sich. Der Ball wurde sogar leidenschaftlich gefordert. Imponierend das Nachsetzen und Abwehrverhalten der Stürmer. Na bitte, Hertha kann’s doch!  Ab jetzt weiß Hertha, was Geschlossenheit im Mannschaftsspiel  bedeutet. Arme Kölner!

Christian Zschiedrich

Niederlagen freies Wochenende im Berliner Profifußball

Los ging es am Freitagabend, 3. Dezember, 13.500 Zuschauer waren in der Alten Försterei zugelassen und RB Leipzig ereilte das gleiche Schicksal wie zuvor der Alten Dame aus Charlottenburg. Was nützt es Dir einen talentierteren Kader, als der Gegner zu haben, wenn vor dem Tor einfach nichts passiert? Das Gegentor, zwischenzeitlich stand es 1:1, war ein kleines Geschenk von Union-Keeper Luthe an die Leipziger. Schlussendlich wurde es der fünfte Heimsieg der Saison. Nur zwei Teams haben zu Hause mehr Punkte geholt als die Eisernen. Die Niederlage war dann auch eine zu viel für Trainer Jesse Marsch. Er sah die Niederlage nicht von der Bank aus, er war coronabedingt im Homeoffice.

Nur auswärts stockt es bei den Eisernen, da hat der Lokalrivale sogar die Nase vorn und in der Fremde einen Punkt mehr geholt. Zuletzt waren sie in Stuttgart nicht ganz erfolglos. Immerhin wurde nach einem verpatzten Start noch ein respektables Ergebnis erzielt. Das 2:2 war verdient, es war sogar mehr drin. Ein Tabellennachbar wurde auf Distanz gehalten. Bis zur Halbzeit der Saison sind es noch drei Spiele. Nächster Gegner ist die ebenfalls abstiegsgefährdete Elf von Arminia Bielefeld.

Nicht verloren hat am Samstag, 4. Dezember Viktoria Berlin. Für die Himmelblauen war es das letzte Heimspiel in diesem Jahr. Im inzwischen heimischen Jahnsportpark war leider das Interesse mäßig, dafür kann sich die bisher als Aufsteiger vorzuzeigende Bilanz durchaus sehen lassen. Es war ein 0:0 der besseren Sorte. Der Gast aus München hatte zuletzt den Trainer gewechselt, blieb aber trotzdem im sechsten Spiel in Folge ohne Sieg. Zum Spieler des Tages wurde Türkgücü’s Torwart Franco Flückinger gewählt. Ebenfalls einiges zu tun hatte sein Kollege bei Viktoria Julian Krahl. In der Schlussphase sah Abwehrspieler Jakob Lewald Gelb-Rot, sodass der Punkt für Viktoria fast noch in Gefahr geriet.

Hans-Peter Becker

Wer nutzt die Gunst der Stunde – Union oder Hertha?

Der 6.BL-Spieltag ist aus Berliner Sicht gleich doppelt interessant: Erstens wegen der Ausgangssituation und zweitens der Weichenstellung im Konkurrenzkampf in der Hauptstadt. Union ist der Achte in der Tabelle und hat ein Heimspiel gegen den 13. Arminia Bielefeld mit 4 Punkten. Hertha muss auswärts ran, beim Tabellen 12., ebenfalls mit 4 Punkten. Die Leipziger wollen unbedingt den miesen Start vergessen machen und punkten. Bielefeld braucht die Punkte auch. Beide Berliner Clubs haben die gleiche Ausgangssituation, nämlich 6 Punkte. Die Verletzten dürfen keine Rolle spielen. 9 Punkte wären angemessen, heißt es zumindest in beiden Lagern. Verliert aber ein Berliner Verein (bloß nicht beide) und einer gewinnt wäre das aussagekräftig richtungsweisend. Hertha gelang die Aufholjagd vom Tabellenende. Die letzten beiden Spiele wurden gewonnen. Aber gegen Leipzig… Schau‘n war mal.

Christian Zschiedrich

Arne Friedrich rettete Pal Dardai

Das könnte sich bereits am Samstag, 25.09, gegen RB in Leipzig auszahlen. Leipzig ist holprig in die Saison gestartet, Tabellenplatz 12, fünf Spiele, vier Punkte, dagegen ist die Stimmung bei der Hertha nach zwei Siegen in Folge gegen den VfL in Bochum und dem Heimsieg, 2:1, gegen die SpVgg Greuther Fürth, deutlich besser. Das hatte den Sprung mit sechs Punkten auf Platz 9 der Tabelle zur Folge. Überschwänglich wird der Torschütze aus den Niederlanden Jurgen Ekkenlenkamp in den Gazetten gelobt und als die passende Neuverpflichtung herausgestellt. Es scheint endlich wieder mal gut zu passen, vor allem seiner menschlichen, zurückhaltenden Art wegen. Er selbst bezeichnet sich mit seinen 21 Jahren als einen schüchternen Typ. Nun freut er sich in Leipzig auf sein Startelf-Debüt. Pal Dardai möchte punkte mäßig gleich nachlegen.

Doch mir hat sich die Szene eingeprägt, als Pal Dardai wegen Meckerns von Schiedsrichter Stieler aus Hamburg die gelbe Karte erhielt, aufsprang und aufbrauste. Seine Freunde schätzen ihren Pal wegen  der sonst so besonnenen Art, der im Grunde viel Verständnis für die „schwarze Zunft“ aufbringt und auch seine Spieler in der Regel in strittigen Situationen besänftigt. Er gilt als ein charakterfester Mensch, der sagt, was er denkt. Doch gegen Greuther Fürth musste Arne Friedrich ihn gleich mehrmals am Kragen packen und unsanft zurückstoßen.

Der Trainer darf doch keine Emotionen haben, trotz des Wissens, dass ein Schiedsrichterteam im Streitfall stets am längeren Hebel sitzt. Was wäre wohl geschehen, hätte Arne Friedrich den Trainer nicht festgehalten. Aus der gelben Karte wäre die Rote geworden und Pal hätte auf der Tribüne Platz nehmen müssen. Eine Verhandlung beim DFB und bestimmt eine hohe Geldstrafe wäre unvermeidlich und Berlins Trainer garantiert der Verlierer gewesen. Wahrscheinlich sogar für ein paar Spiele gesperrt worden. Das werden ihm seine Hertha-Freunde bestimmt vor Augen geführt haben.

Dardai nach dem Spiel auf die Vorkommnisse angesprochen, taktisch die beste Lösung: „Ich hab mich schon längst entschuldigt“! In dem Fall lieber mal als Umfaller gelten, sich aber die Erfahrungen aus zahlreichen hohen Strafen gegen Trainer – sie müssen doch Vorbilder sein – und jetzt vielleicht geschickt sein Unverständnis im Detail über die Schiedsrichtersituation bei passender Gelegenheit anprangern. Arne, dir gehört der Dank.

Christian Zschiedrich

Wer schießt gern ein Extra-Tor?

Der 1. FC Union hat sein Fußballmärchen um ein weiteres Kapitel ergänzen können. Was am 27. Mai 2019 begann, Klassenerhalt nach dem ersten Jahr in der Bundesliga und nun Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb nach dem zweiten Jahr. Eigentlich zu schön um wahr zu sein. Der Jubel kannte am 22. Mai 2021 nach dem Schlusspfiff der letzten Saisonpartie gegen RB Leipzig keine Grenzen. Wie heißt es so schön in der Hymne des Vereins, geschmettert von Nina Hagen? „Wer schießt gern ein Extra-Tor – Eisern Union !“ Dieses Extra-Tor erzielte – ausgerechnet – Max Kruse, Unions einziger Unterschiedsspieler und Paradiesvogel. Der Spieler, der eigentlich auf den neugeschaffenen Wettbewerb keinen Bock hat. Nun darf er dort aller Voraussicht nach antreten.

Das Abschneiden ihrer Eisernen in der von Corona geplagten Saison war zusätzlich Balsam auf die Seelen der Fußballromantiker. Zu dieser Fraktion gehört ein Großteil der Anhänger des Vereins aus dem Berliner Osten. Es waren wieder ein paar Zuschauer im Stadion zugelassen. Der harte Rest versammelte sich davor und feierte den glücklichsten Sieg in dieser Saison.

Der Gegner aus Leipzig wurde in den ersten fünfzehn Minuten an-geschwiegen. Leipzig machte das Spiel, ging in Führung und spielte die Eisernen mehr und mehr an die Wand. „Gib niemals auf und glaub an Dich – ja dann wird der Sieg auch Dir gehör’n.“ Die Beschwörungsformel wirkte. Dem glücklichen Ausgleich folgte der noch glücklichere Siegtreffer. Die Leipziger hatten ihre Chancen versemmelt und es gewinnt nicht immer der Bessere. Wie üblich, liefen die Unioner wieder fast zwei Kilometer mehr als der Gegner und hatten diesmal Glück, dass ihre Fehler im Spielaufbau nicht bestraft wurden. Schlussendlich, um hier ein Lieblingswort von Urs Fischer ins Spiel zu bringen, stand ein Andreas Luthe im Tor, „der schien heute acht Arme zu haben.“

Der siebente Platz in der Schlusstabelle ist auch der Lohn für den läuferischen Aufwand, den die Eisernen betreiben mussten. Sie sind der Kilometer-Meister der Bundesliga. In die Statistik geht der Wert von 4.089,08 km ein, so viel musste keine andere Mannschaft laufen. Das war die Strecke, die den wertvollen Tabellenplatz einbrachte. Spielerisch haben sie sich weiter entwickelt, ein kleines Indiz ist hier die Fair-Play Wertung. In der Aufstiegssaison waren es 84 Punkte und am Ende dieser Spielzeit konnte der Wert auf 63 gedrückt werden.

Der Klassenerhalt war recht früh in Sack und Tüten. So konnte Oliver Ruhnert bereits die ersten Neuverpflichtungen für das nunmehr dritte Bundesligajahr verkünden. Dieser Erfolg weckt natürlich Begehrlichkeiten. So wird sicherlich der eine oder andere Profi dem Ruf des Geldes folgen. Christopher Lenz steht bereits länger als Abgang fest, er wechselt zu Eintracht Frankfurt. Ebenso verlassen werden Akaki Gogia, Christian Gentner und Florian Hübner die Wuhlheide. Die Leihverträge mit Torwart Loris Karius und Innenverteidiger Nico Schlotterbeck sind beendet. Gerüchte ranken sich um weitere Abgänge, hier fallen die Namen Robert Andrich, Taiwo Awoniyi und Marvin Friedrich. Eine Personalie ist geklärt. Max Kruse wird weiter für Eisernen spielen.

Hans-Peter Becker

Hertha rettet sich und Union wahrt Chance auf Europa

Es wurden zwei Unentschieden aus Berliner Sicht. In Leverkusen bot der 1. FC Union ein gutes Auswärtsspiel. Es ist bemerkenswert, dass die Fischer-Truppe auch spielerische Fortschritte gemacht hat, bei den technisch starken Leverkusenern phasenweise sogar das Spiel bestimmte. Das Ergebnis von 1:1 lässt weiter auf die Qualifikation für die Europa-Conference-League-Play-offs hoffen. Am letzten Spieltag treffen die Eisernen auf RB Leipzig. Das Team des scheidenden Trainers Julian Nagelsmann muss nicht mehr alles geben, der Vizemeister ist sicher. Der Mitbewerber Gladbach muss in Bremen antreten. Selbst, wenn es nicht mit Europa klappen sollte, sie können hochzufrieden sein an der „Alten Försterei“. In den bisherigen 33 Spielen wurden 47 Punkte geholt. Was am 27. Mai 2019 begann, vor knapp 24 Monaten könnte eine weitere Krönung erfahren.

Beim anderen Berliner Vertreter wurde nach dem Spiel in der Kabine gefeiert. Mit 35 Punkten bleibt man drin. Es war ein 0:0 gegen die abstiegsbedrohten Kölner. Beiden saß die Angst in Nacken. Die Folge war ein unansehnliches Gekicke, selbst für hartgesottene Fans eine Zumutung. Eigentlich ein Glück, dass nur ausgesuchtes Fachpublikum anwesend sein durfte. Seien wir jetzt nicht zu streng. Pal Dardai und sein Team hat es geschafft, trotz Quarantäne und einer alles andere als gut zusammengestellter Mannschaft, die Klasse zu halten. Die Punktevorgabe für eine mögliche Vertragsverlängerung wurde natürlich verfehlt. Mal sehen, wie sich die Verantwortlichen entscheiden werden. Schlecht wäre es nicht, wenn er weitermachen könnte.

Hans-Peter Becker

Das Für und Wider zu Hertha BSC

Im Olympiastadion 0:3 gegen RB Leipzig verloren und trotzdem sah die Mannschaft von Pal Dardai nicht wie ein Absteiger aus. Diese meine positive Meinung könnte die Akteure eventuell beruhigen und weiterhin sicher wähnen. Moment mal, in den Spielen zuvor sahen sie ja auch ganz gut aus, ohne die nötigen Punkte trotz positiven Verlauf einzufahren. Der Hassgegner für Hertha ist zweifelsfrei Schalke 04. Hertha weiß doch hoffentlich, was die Stunde geschlagen hat. Bei Fortsetzung der fehlenden Effektivität könnte die nächste Partie in Wolfsburg auch verloren werden. Wolfsburg ist heuer verdammt stark. Schließlich ist da unten im Keller Mainz 05 enorm erstarkt. Selbst Bielefeld könnte im ausstehenden Spiel gegen Köln punkten. Das heißt, Hertha ist bereits auf dem Relegationsplatz gelandet. Bisher kam Lars Windhorst nur ins Grübeln. Jetzt spitzt sich die Lage arg zu. Hertha könnte am Ende Arm in Arm, ausgerechnet mit Schalke, absteigen.

Was mich positiv gegen Leipzig stimmte: Hertha war dem Championsleague-Teilnehmer gewachsen, hatte anfangs sogar mehr vom Spiel. Khedira spielte von Anfang an und zeigte mit 77% gewonnener Zweikämpfe mit welch guter Fitness er zu Hertha wechselt ist. Außerdem zeigte Pal Dardais Sohn  Marton Dardai eine überzeugende Leistung in der Startformation. Was immer mal im Fußball passieren kann, so in der 28. Minute, als  Marcel Sabitzer am Sonntagnachmittag aus 32 Metern einen traumhaften „Sonntagschuss“ unhaltbar ins Hertha-Tor  beförderte. Anerkanntermaßen ein Weltklassetor. Das 0:1 hielt bis zur 71. Minute.

Die Geschichten, die der Fußball schreibt. Wenn ein Trainer einen Spieler einwechselt, der den Siegtreffer markiert, bekommt der Coach anerkennende Worte und Schulterklopfen. Diesmal geschah das Gegenteil. Kurz bevor Mukiele das 0:2 erzielen konnte, unmittelbar zuvor kam Guendouzi von der Bank für S. Khedira und ausgerechnet dieser sonst souveräne Guendouzi verlor im Strafraum den Zweikampf und damit den Ball. Der „Genickbrecher“ in dieser Partie. Orban erhöhte in der 84. Minute per Kopf auf 3:0 für Leipzig. Zuvor ließ Hertha Chancen für einen möglichen Anschlusstreffer liegen.  

Hertha muss, aber wie soll Hertha in den nächsten Spielen punkten? Augsburg erzielte gegen Bayer Leverkusen ein beachtliches 1:1, lag sogar bis zur 94. Minute 1:0 in Front. Nun, gegen Augsburg und Leverkusen muss Hertha auch noch ran. Vor Leverkusen heißt der Gegner Dortmund. Also mal der Reihe nach, erst Wolfsburg und dann Augsburg, Dortmund, Leverkusen, Mönchengladbach. Die Negativserie muss gestoppt werden. Der 1. FC Union bestand bisher die Prüfungen auch ohne Max Kruse ganz passabel. Ich weiß, das ist für Hertha kein Trost, eher im Gegenteil: Zumindest einen Berliner Verein in der Eliteliga zu haben sollte aus Hertha-Sicht nicht „Eisern Union“ sein. Wie beliebt der 1. FC Union mittlerweile in Berlin ist, dafür sprechen die gestiegenen Mitgliederzahlen im Köpenicker Verein. Erstaunlicherweise haben die Unioner auch damit die Herthaner erfolgreich überholt.

Christian Zschiedrich