Kommentar zur Krisen-Pressekonferenz von Hertha BSC

29. Januar 2023: Für nicht angebracht halte ich es, wenn ein Verein sportlich so am Boden liegt, dann auch noch ordentlich draufzuhauen. In Vorahnung der Dinge, den jetzigen VfB Stuttgart-Trainer fanden viele in Berlin gar nicht so schlecht. Nach der 0:5 Heimpleite gegen Wolfsburg und der neuerlichen 0:2 Niederlage im Stadtderby kommentierte ich in meinem letzten Artikel, behutsam zwischen den Zeilen, den Quotenunterschied zwischen Trainer Sandro Schwarz und Bruno Labbadia. Mir war klar, bei Hertha muss etwas geschehen. In solchen Fällen ist zu 90 % das schwächste Glied, der Trainer, der gehen darf. Bei Hertha bekam und bekommt(?) Sandro Schwarz eine Beschäftigungsgarantie. Gefeuert wurde, Fredi Bobic, der den Trainer verpflichtete. Dem Verein wird diese Entlassung, nicht weniger kosten, als der Rauswurf eines Trainers, vielleicht sogar mehr. Während auch Bobics Mitstreiter Sebastian Zelichowski (Technischer Direktor) und Thomas Westphal (Teammanager) gehen müssen, bleibt Kaderplaner Dirk Dufner an Bord.

Die auf dem Podium Platz genommenen Verantwortlichen, Präsident Kay Bernstein, Aufsichtsrat-Vorsitzender Klaus Brüggemann, Thomas E. Herrich und Neu-Sportdirektor Benjamin Weber, bekundeten, diese Maßnahme wurde einstimmig getroffen. Das mehrmalige Betonen, die Trennung sei keineswegs gegen Bobic gerichtet, wirft natürlich viele Fragen auf. Erstaunlich die Aussage, Bobic wäre auch entlassen worden, wenn das Derby siegreich für Hertha ausgegangen wäre. Wenn die Maßnahme nicht gegen den entlassenen Sportdirektor gerichtet war, gegen wen war sie denn, zumal so einstimmig, immer wieder von Präsidium und Aufsichtsrat betont? Soetwas muss im Hinterstübchen gründlich vorbereitet werden. Kay Bernstein: „Keiner steckte etwas durch“. Da muss sich ja in den nächsten Tagen entscheidendes tun. Hertha dürfte nicht zur Ruhe kommen.

Die Übereinstimmung der Verantwortlichen ist natürlich enorm wichtig. Erst recht in Verbindung mit den Aussagen, für kostspielige Neuverpflichtungen aktuell keine Mittel und auch keine neuen Gelder in Erwartung zu haben. Um den Abstieg zu verhindern, reicht erfahrungsgemäß Herzblut allein nicht. Hertha-Ikone Zecke Neuendorf wird als Bindeglied zwischen designiertem Sportdirektor Weber zur Mannschaft zukünftig Verantwortung übernehmen. Na dann berate mal Trainer Sandro Schwarz nach den drei blamablen Niederlagen in Folge richtig. Wenn gegen Eintracht Frankfurt auch wieder verloren werden sollte, bricht die Mannschaft, die es nicht mehr ist, mit Abwanderungsgedanken ganz auseinander. So zumindest, ist zu befürchten. Bis 15. März sind seitens Hertha die Lizenzunterlagen, sowohl für die erste als auch für die zweite Liga einzureichen. Und wann schließt das Transferfenster? In zwei Tagen.

Christian Zschiedrich

Kay Bernstein neuer Hertha-Präsident

Mein Kommentar schließt Anerkennung und Glückwünsche für den Sieger Kay Bernstein und die Frage nach dem Optimalen für den Club ein, denn für die Herthaner galt der Ur-Berliner Frank Steffel als Favorit bei der Präsidentenwahl bei 2.950 wahlberechtigten Hertha-Berlinern. Das Ergebnis fiel mit 1.670 Stimmen für Bernstein und 1.289 für Steffel ganz anders und höher als erwartet aus. Eine Niederlage auch für Aufsichtsrat-Chef Klaus Brüggemann, der Steffel für die Kandidatur gewinnen konnte. Dazu eine Niederlage für die Präsidiumsmitglieder Peer Mock-Stürmer und Lutz Kirchhof, die sich im Vorfeld der Allianz Steffel/Pering angeschlossen hatten.

Chefredakteur Christian Zschiedrich

Frank Steffel kann also Füchse-Präsident bleiben. Vielleicht war ein Wechsel zu Hertha sogar ein kleines Hindernis. Dass Kay Bernstein völlig unerfahren und zudem als Ex-Ultra ins Rennen ging, empfanden die Herthaner wohl nicht negativ und als ausschlaggebend. Zu Wenige schätzten dagegen das Vitamin B des Frank Steffel als nutzbringend ein. Der Ex-CDU-Abgeordnete war immerhin von 2009 bis 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages und dort im Sportausschuss tätig. Er kennt Gott und die Welt, hat nach wie vor gute Beziehungen zu den Entscheidungsträgern und ist Herthaner seit 2010. Beste Voraussetzungen für das Amt.

In Kenntnis dessen, was Frank Steffel – auch als erfolgreicher Unternehmer – für den Sport geleistet hat, war ich überzeugt, dass er mit diesen Fakten, zudem als erfahrener, guter Redner, in der Mitgliederversammlung mit seinen Ideen die Hertha-Gemeinde überzeugen kann – Irrtum. Herthas Mitglieder ließen sich davon leiten, dass Bernstein, früher Ultra bei den Harlekins, Vorsänger in Ostkurve und später Gründer einer Kommunikations- und Veranstaltungsagentur, gerade die Fanszene und Fan-Organisation bisher unterstützte. Bekanntlich wollen viele Hertha-Fans einen totalen Neuanfang, ganz im Gegensatz zu dem, was bisher in der Führung geboten wurde.

Fredi Bobic wird sich wohl zurückhaltend, neutral dazu äußern und die Angestellten bei BSC Hertha werden sich kaum selbst demontieren, eher der Club selbst.

Christian Zschiedrich