Hertha zieht die Reißleine

Es kam überraschend, Jürgen Klinsmann muss sein Mandat als Aufsichtsrat von Hertha BSC ruhen lassen. Er übernimmt bis zum Ende der Saison das Traineramt. Je mehr man darüber nachdenkt, je mehr macht es Sinn. Klinsmann ist seit einiger Zeit mit Hertha verbunden, sein Sohn Jonathan war hier zwei Jahre Profi und Investor Lars Windhorst hatte ihn als Fußball-Fachmann ins Boot geholt. Einige Spiele der Alten Dame hat er beobachtet. Sein aus Frankfurt an der Oder stammende Vater Siegfried Klinsmann, so war zu erfahren, war Hertha Fan. Ihm hätte es bestimmt gefallen, seinen Sohn als Trainer an der Seitenlinie zu sehen.

Unser Chefredakteur hat es geahnt, „Ex-Bundestrainer und seit kurzem Hertha-Vorstand Jürgen Klinsmann wird in Kenntnis der Probleme nicht von sich aus spontan handeln, doch hinter Klinsmann steht der Investor Lars Windhorst. Der will sein Geld gut angelegt wissen…“. Stellt sich schon die Frage, wie energisch wurde hinter den Kulissen gewirkt ? Der Vertrag mit Klinsmann läuft bis zum Ende Saison. Selbst dafür musste er länger überredet werden. Der Rückflug wurde storniert, das bevorstehende Thanksgiving-Fest muss ohne ihn gefeiert werden.

Seinen neuen Job will er gründlich machen, wenn auch zunächst nur befristet. Wie gründlich, zeigte sich kurz nach der Bekanntgabe. Nicht nur Klinsmann kommt, er wird zusätzlich seinen Trainerstab installieren. Arne Friedrich, der frühere Kapitän und Nationalspieler soll Teammanager werden, soll ähnliche Aufgaben erfüllen wie Sebastian Kehl in Dortmund. Ein neuer Torwart-Trainer soll kommen, kein geringerer als Andy Köpke, Oliver Bierhoff soll bereits sein okay gegeben haben. Mit Alexander Nouri und Markus Feldhoff stehen ab sofort auch zwei neue Assistenz-Trainer an Klinsmanns Seite. Was die Zukunft des bisherigen Torwart-Trainer Zsolt Petry und Harald Gämperle betrifft, dazu werden Gespräche geführt werden. Ob sie weiter eine Zukunft bei der Hertha haben, ist offen.

Auf die entsprechende Nachfrage, ob auch der neue Trainerstab nur bis zum Saisonende bleibt wurde ein zurückhaltendes ja in den Raum geworfen. Das ist fast nicht vorstellbar. Könnte die ganze Aktion nicht den Beginn einer schleichenden Machtübernahme bedeuten ? Michael Preetz betonte zwar, dass alles in vertrauensvoller Zusammenarbeit über die Bühne ging, da bleiben doch einige Fragen offen.

Das rein sportliche ist fast ein wenig in den Hintergrund gerückt. Nach der Pressekonferenz bat der neue Trainer gleich zu einer Einheit auf den Trainingsplatz. Möglichst wieder nach oben klettern heißt jetzt die Devise. Der Kader muss zunächst akzeptieren, dass Abstiegskampf angesagt ist, dafür ist es, obwohl erst 12 Spiele absolviert sind, nicht zu früh. So ein desolater Auftritt, wie zuletzt in Augsburg, darf sich nicht wiederholen.

Hans-Peter Becker

Hertha spielte für einen guten Zweck und ab ins Trainingslager

Foto: Oranienburger FC

Trainingsgast Jonathan Klinsmann kam im ersten Saisonspiel der Hertha zum Einsatz. Der etatmäßige Ersatztorwart Thomas Kraft setzte auf seine Erfahrung als Feldspieler und verschoss einen Strafstoß. Hertha gewann 2:0 gegen einen Sechstklässler. Vor etwa 2.500 Zuschauer erzielten Trainersohn Pal Dardai und Alexander Esswein die Treffer.  Bei den Profis fehlten – unter anderem – Confed-Cup-Sieger Marvin Plattenhardt und die U21-Europameister Mitchell Weiser, Niklas Stark und Neuzugang Davie Selke. Jonathan Klinsmann hatte wenig zu halten. Der 20 Jahre alte Sohn des früheren Bundestrainers sowie Welt- und Europameisters Jürgen Klinsmann, kämpft bei Hertha BSC um einen Profivertrag. Klinsmann reiste mit den Berlinern nach dem Match direkt weiter ins Trainingslager nach Bad Saarow. Dort wird unter anderem viel für die Physis getan, Kondition gebolzt, während im zweiten Trainingslager in Österreich mehr das taktische Verhalten im Vordergrund stehen wird.