Keine Punkte für die Eisernen

Die großen Bayern waren da und fast keiner durfte direkt dabei sein. Im Fernsehen wirkte das Spiel wie eine Umarmung unter Vollschutz. Rund um das Stadion an der Wuhlheide wurden 400 Polizisten aufgeboten. Ein paar Unentwegte waren gekommen, um wenigstens einen kleinen Blick auf das Stadion zu erhaschen. Zwei besonders Mutige waren auf einen Baum geklettert und wurden von den Sicherheitskräften per Platzverweis am weiteren zuschauen gehindert. Der Rest fotografierte artig durch den Zaun und ging wieder nach Hause oder fand noch einen Platz einer Kneipe mit Sky-Empfang.

Im Stadion war es ruhig. Man konnte das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes hören. Wer es in normalen Zeiten nicht bekommen hatte, erstaunlich, was sich die Spieler alles so zurufen. Mit deutscher Gründlichkeit wurde das Konzept zur Hygiene umgesetzt, teilweise bis zur Albernheit. Es erschließt sich nicht, dass die Sky-Reporter vor der Kamera, an der frischen Luft, Masken trugen.

Zum sportlichen dieser Veranstaltung: Die Eisernen hielten das Spiel lange offen, waren trotzdem gegen die Bayern auf verlorenem Posten. Müßig, darüber zu spekulieren ob es mit ihrem lautstarken Publikum im Rücken viel anders gekommen wäre. Markus Hoffmann vertrat seinen Chef Urs Fischer, der wegen eines Trauerfalls in seiner Familie, die Mannschaftsquarantäne verlassen hatte.

Im Sturm durfte Anthony Ujah für Sebastian Andersson starten und in der Abwehr ersetzte Keven Schlotterbeck, den gelb-gesperrten Marvin Friedrich. Im Mittelfeld bekam Grischa Prömel den Vorzug, so dass Christian Gentner zunächst mit vorschriftsmäßigen Mundschutz von der Bank aus zusah.

Die erste Halbzeit verlief ereignisarm. Die Führung in der 40. Minute fiel nach einer unglücklichen Aktion des erfahrenen Neven Sobotic, der im Strafraum gleichzeitig Ball und Gegner traf. Den unstrittigen Strafstoß verwandelte Robert Lewandowski sicher. Die Eisernen liefen mit enormen Aufwand die Räume zu, konnten aber kaum etwas für den eigenen Spielaufbau tun. Es sprangen lediglich 9 Torschüsse und 2 gute Chancen heraus. Die Bayern brauchten 80. Minuten um den Sack zuzubinden. Benjamin Pavard beförderte einen Eckball per Kopf ins Tor.

Die Bayern waren auf das Spiel der Eisernen gut vorbereitet. Die Versuche der Hausherren mit langen Pässen zum Erfolg zu kommen wurde von den Bayern erfolgreich unterbunden. In der Feinabstimmung müssen beide weiter zulegen, die erzwungene Spiel- und Trainingspause war deutlich zu bemerken. Bayern-Trainer Hansi Flick sprach nach dem Spiel von einem Arbeitssieg.

Mit dieser Niederlage bleiben die Köpenicker in der Tabelle einen Punkt hinter dem Rivalen aus Berlin-Charlottenburg. Am kommenden Freitag, 22.05. 2020 ist es wieder soweit, Derbytime unter Corona-Bedingungen.

Hans-Peter Becker

1. FC Union Berlin: Gikiewicz – Hübner. Schlotterbeck, Subotic – Trimmel, Andrich (70. Gentner), Prömel (85. Kroos), Lenz – Ingvartsen (81. Mees), Ujah (70. Andersson), Bülter (85. Ryerson)

FC Bayern München: Neuer – Pavard, Boateng, Alaba, Davies – Kimmich, Goretzka (71. Coman), Thiago – Müller (90. Cuisance), Lewandowski, Gnabry (85. Perisic)

Tore: 0:1 Lewandowski (40. FE), 0:2 Pavard (80.)

Hertha gewinnt das erste Corona-Spiel

Selbst vor dem Fernseher war es gewöhnungsbedürftig. Es wirkte wie die Übertragung eines Spiels zur Saisonvorbereitung während eines Trainingslagers in einem Spartensender. Der Torjubel kam lediglich von den Akteuren und den Mannschaftsbetreuern. In Sinsheim jubelten nur die Gäste. Die Alte Dame aus der Hauptstadt gewann mit 3:0 und revanchierte sich für die Hinspielniederlage. Es war zudem der gelungene Einstand für den neuen Trainer.

In einem ausgeglichenen Spiel war Hertha effektiver und gewann nicht unverdient. Das Ergebnis war um ein Tor zu hoch. Egal, die Herthaner haben es gerne mitgenommen. In der Startformation setzte Bruno Labbadia auf den Faktor Erfahrung. Der unter Klinsmann fast aussortierte Ibisevic stürmte von der ersten Minute an und in der Abwehr verteidigten Plattenardt und Pekarik auf den Außenpositionen. Mit einer 4-2-3-1 Staffelung wirkte Hertha gut organisiert. Die erste Halbzeit ging ereignisarm und ohne Tore vorüber. Ein Doppelschlag in der 58. und 60. Minute brachte die Berliner in Front. Das 1:0 war ein erzwungenes Eigentor durch einen Schuss von Pekarik und das 2:0 besorgte Ibisevic per Kopf. Die Hoffenheimer drängten auf den Anschluss und vergaben zwei gute Möglichkeiten. In der 74. Minute machte Matheus Cunha mit einer Einzelleistung den Sack zu. Erst ein gekonntes Dribbling, dann der Abschluss aus spitzem Winkel, das war brasilianische Fußballkunst.

Für den Rest der Saison darf der Trainer statt drei ja insgesamt fünf Spieler auswechseln. Das volle Kontingent schöpfte nur der Berliner Trainer aus. Sein Hoffenheimer Kollege brachte vier frische Kräfte. Für das bevorstehende Derby gegen den 1. FC Union wurde mit dem fünften Auswärtssieg der Saison gehörig Selbstbewusstsein getankt. Mal sehen, wie die Eisernen gegen den FC Bayern bestehen. Wenigstens für einen Tag sind sie mit einem Punkt am Lokalrivalen vorbeigezogen.

Hans-Peter Becker

Startaufstellung Hertha BSC

Jarstein, Pekarik, Torunarigha, Boyata, Plattenhardt, Grujic, Skjelbred (ab 86. Ascacibar), Lukebakio (ab 79. Piatek), Matheus Cunha (ab 78. Maier), Mittelstädt (ab 90. Dilrosun), Ibisevic (ab 79 Ngankam)

Wenig Fußball, viel Leidenschaft – Rot Weiß gewinnt das Hauptstadtderby

Es war ein Derby, mit einem glücklichen Sieger. Die Eisernen investierten einfach mehr in dieses Spiel. Die Alte Dame war eine Stunde lang völlig indisponiert. Viel zu spät fingen sie an ihre Qualitäten einzubringen. Packende Torraumszenen gab fast nicht. Die Entscheidung fiel durch einen Strafstoß. In der 88. Minute versuchte sich Christian Gentner nach einer gelungenen Kombination mit einem Torschuss, den kann er ungehindert ausführen, der Ball geht daneben, Dedryck Boyata, Herthas Innenverteidiger will den Ball noch blocken und rauscht in den Schützen. Es war ein Foul nach vollzogener Aktion. Den verhängten Strafstoß nach Videobeweis verwandelte der eingewechselte Sebastian Polter. Das Derby war entschieden. Eine andere Entscheidung war in diesem qualitätsarmen Spiel nicht möglich. Den Eisernen wird das alles herzlich egal sein, wenigstens für eine Woche ist breites Grinsen angesagt.

Für den Zuschauer, sofern er nicht Fan der Eisernen ist, war das Spiel eine Zumutung. Die Gäste aus Berlin-Charlottenburg begannen mit einer 4-4-2 Staffelung. Gegenüber dem Pokalspiel gegen Dynamo Dresden veränderte Ante Covic seine Startelf auf sechs Positionen. Den Analysten von Hertha BSC war natürlich nicht entgangen, dass Union die letzten Siege durch Spiegelung der gegnerischen Taktik errungen hat. Hinzu kam eine große Laufbereitschaft und damit verbunden, die ständige Bereitschaft zum Gegenpressing. Urs Fischer veränderte seine Truppe gegenüber dem Pokalerfolg auf fünf Positionen hielt aber an dem 3-4-2-1 System fest. In der 1. Halbzeit erwies sich das als richtige Maßnahme. Man traute seinen Augen nicht, spielbestimmend waren die Rot-Weißen . Vor dem Strafraum der Herthaner waren sie allerdings mit ihrem Latein am Ende. Bis auf die Riesenchance durch Christopher Lenz in der 3. Spielminute, sein Kopfball prallte vom Innenpfosten wieder zurück, hatten die anderen insgesamt sechs Torschüsse bis zur Halbzeitpause keinerlei Torgefahr.

Was war mit der Alten Dame in Halbzeit 1 ? Es kam nichts, kein Zugriff, ganze zwei mickrige Torschüsse, genauso harmlos wie auf der anderen Seite. Die massive Mittelfeldpräsenz der Eisernen zwangen Herthas Aufbauspieler zu langen Pässen und da fehlte die Präzision. In der 42. Minute kam Hertha zu zwei Eckbällen. Union erkämpfte nicht einen einzigen. Es war bis zur Halbzeitpause eine Nullnummer auf der ganzen Linie.

Herthas Trainer reagierte, brachte Eduard Löwen für Per Skjelbred einen neuen Aufbauspieler und stellte die taktische Formation um. Hertha versuchte Unions Erfolgsrezept aus den Freiburgspielen zu kopieren. Sie spiegelten Unions taktische Formation und kamen etwas besser in das Spiel. Bei den Eisernen ersetzte Joshua Mees den indisponierten Marius Bülter. Viel besserer Fußball wurde in der 2. Halbzeit nicht gespielt. Die Entscheidung fiel folgerichtig durch einen Strafstoß, den Sebastian Polter in der 88. Minute verwandelte. Etwas glücklich gewinnt der 1. FC Union das erste Bundesliga Stadtderby, vor allem deshalb, weil sie mehr in das Spiel investierten und durch den gewohnt hohen läuferischen Aufwand – liefen über 5 km mehr – Hertha den Schneid abkauften.

Leider gab in dieser Halbzeit unschöne Szenen aus den Blöcken der Ultras. Der Schiedsricher Deniz Aytekin unterbrach in der 49. Minute das Spiel und schickte die Mannschaften vom Feld. Aus dem Block der Herta-Anhänger wurden Leuchtraketen abgefeuert. Es wird empfindliche Geldstrafen für beide Vereine geben. Das Derby hatte so einen negativen Höhepunkt, den keiner braucht.

Hans-Peter Becker

Spieldaten

Union Berlin: Rafal Gikiewicz – Marvin Friedrich, Keven Schlotterbeck, Neven Subotic – Christopher Trimmel, Robert Andrich, Christian Gentner, Christopher Lenz – Marcus Ingvartsen (90.+6 Julian Ryerson), Sebastian Andersson (80. Sebastian Polter), Marius Bülter (46. Joshua Mees). Trainer: Urs Fischer 3-4-2-1

Hertha BSC: Rune Jarstein – Lukas Klünter, Niklas Stark, Dedryck Boyata, Maximilian Mittelstädt (90.+2 Davie Selke) – Marius Wolf, Per Ciljan Skjelbred (46. Eduard Löwen), Marko Grujic, Javairo Dilrosun – Dodi Lukébakio, Vedad Ibisevic (82. Salomon Kalou). Trainer: Ante Covic 4-4-2/3-4-2-1

Tore: 1:0 Sebastian Polter (87.)

Gelbe Karten: Keven Schlotterbeck (Union Berlin), Dedryck Boyata (Hertha BSC)

Schiedsrichter: Deniz Aytekin

Zuschauer: 22.012 im Stadion An der Alten Försterei

Unsere Hauptstadt hat zwei Fußball-Bundesligisten

Endlich – der 1.FC Union hat es in der Relegation gegen Stuttgart gepackt! Nach dem 2:2 im Hinspiel in Stuttgart war klar, Union würde ein 0:0 oder 1:1 in der Alten Försterei reichen. Ja die Eisernen hättenmit etwas Glück sogar gewinnen können. Es war ein torloses, trotzdem packendes, spannendes Match. Pfostenschüsse, Rauchbomben, Abseitstor, Videobeweis, hoher Einsatz, ein Turban-Duo, Gelbe Karten, ein Spiel voller Emotionen, tiefer Trauer und Freudensprüngen. Die Begeisterung der Union-Anhänger kannte nach Spielschluss keine Grenzen. Mitten unter ihnen unser Reporter Hans-Peter Becker. Wir dürfen auf seinen Bericht vor Ort gespannt sein.

In Halbzeit Eins dominierte Stuttgart. Das änderte sichein wenig nach dem Wechsel. Den Gästen aus dem Schwabenland schien die Luft auszugehen und die Beine schwerer zu werden. Die Leistungen des Bundesligisten sind als erstaunlicherweise schwach zu bezeichnen. Stuttgart setzte in der Schlussphase bei fünfminütiger Verlängerung alles auf eine Karte. Union aber blieb Herr der Lage. Der Sieg des Zweitligisten und der Abstieg der Stuttgarter geht also völlig in Ordnung und die Alte Försterei brach mit 22.012 Zuschauern, natürlich ausverkauft, fast aus den Nähten. Wie soll das bloß werden, wenn Bayern München, Borussia Dortmund, etc. kommen. Die Berliner können sich auf das Derby mit dem Ortsrivalen freuen.

Christian Zschiedrich

Berliner Siege im Profifußball und Herthino an der Alten Försterei

Beim 1. FC Union wird die Pfanne immer heisser. Der Sieg am Freitagabend des 24. Spieltages in Kiel könnte ein Meilenstein bedeuten, vorübergehend Platz zwei in der Tabelle, der HSV könnte im Falle eines Sieges wieder vorbeiziehen. Ein verdienter Erfolg bei einem Mitbewerber, wenn auch Kiels Trainer emotional Probleme hatte die Niederlage zu akzeptieren und beim TV-Interview vergessen hatte sein Gehirn einzuschalten.

Der Sieg der Eisernen war verdient, sie hatten die bessere Tagesform. Der nächste Gegner wird am kommenden Freitag, 8. März – in Berlin ein Feiertag – die von Jens Keller trainierten Ingolstädter. Die brauchen dringend Punkte für den Klassenerhalt.

Einen Tag später machte es Hertha eine Klasse höher den Eisernen nach und siegte im Heimspiel gegen Mainz. In der ersten Halbzeit lief es garnicht, offensichtlich hat die Kabinenpredigt von Pal Dardai seine Wirkung getan. Hertha traf drei Mal, glücklicherweise nur einmal in das eigene Tor. Die selbstgemachte Führung durch ein Missgeschick von Niklas Stark, war die Initialzündung. Zunächst sorgte MarkoGrujic für den Ausgleich und der Eigentorschütze besorgte den Siegtreffer. So hatte das sehenswerte Eigentor von Niklas Stark ausser dem Spot der Mannschaftkameraden keine negativen Auswirkungen.

Das wäre doch was, mal wieder ein Derby zwischen Rot und Blau in Berlin. Es wäre ein Novum in der Bundesliga. Nach Hamburg und München, wäre Berlin die dritte Stadt mit zwei Vereinen die gleichzeitig in der ersten Liga gespielt haben. Am 28. Februar veröffentlichte die Medienabteilung von Hertha BSC ein Video, wo das Maskottchen Herthino vor dem Stadion in Köpenick zu sehen ist. Verbunden mit den allerbesten Wünschen für den Aufstiegskampf. „Wir freuen uns auf Euch.“

Beim 1. FC Union mag man sich gewundert haben, das Video endet mit dem Siegtreffer – ein Freistoß von Ronny – beim letzten Zweitliga-Derby in der Alten Försterei. Mal sehen ob sich die Eisernen mit einem Video revanchieren werden, verbunden mit den aller Wünschen im Kampf um die internationalen Plätze.

Hans-Peter Becker

10 Jahre | 10 Stories Interview mit Dirk Westphal

Am Samstagabend (02. Mrz um 18.30 Uhr) heißt es DerbyTime im Volleyballtempel. Dann wird mit den Netzhoppers KW auch der 78-fache Nationalspieler Dirk Westphal an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren. Der gebürtige Berliner trug von 2005 bis 2009 das SCC-Trikot, war also bei der Premiere in der Max-Schmeling-Halle am 18. Nov 2008 dabei und ist nicht nur deshalb der ideale Ansprechpartner für eine weitere Ausgabe unserer Rubrik „10 Jahre | 10 Stories“.

Dirk Westphal kehrt an seine alte Wirkungsstätte zurück. Pressefoto: © Norbert Büring

Dirk, erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Spiel im Volleyballtempel?
Westphal: Das war in meiner letzten Saison beim SCC im Jahr 2008 gegen Düren, also das erste Spiel dort überhaupt. Wir hatten in der Sporthalle Charlottenburg zwar ein stabiles Stammpublikum, aber die riesige Max-Schmeling-Halle stellte natürlich eine Unbekannte dar. Wir hatten zu Spielbeginn wirklich Probleme, mit dem Druck der großen Bühne umzugehen und haben den ersten Satz klar verloren. Ich werde niemals vergessen, wie die Ränge oben mitten im Spiel geöffnet wurden. In diesem Moment ist einem erst mal die Dimension der Arena bewusst geworden. Das war ein echter WOW-Effekt und ein unglaublicher Moment. Unser Auftritt wurde dann zum Glück mit fortlaufendem Spiel besser und wir haben mit 3:1 gewonnen.

Auch wenn die Spielzeit 08/09 Deine letzte im SCC-Trikot war, hast Du sicher ein Highlight-Spiel, oder?
Westphal: Das für mich emotionalste Match war das Playoff-Halbfinale in besagter Saison. Wir hatten das erste Spiel am Bodensee klar verloren und standen in Berlin mit dem Rücken zur Wand. Doch vor eigenem Publikum hatten wir einen richtig guten Tag, an dem fast alles gelang. Wir haben am Optimum agiert und Friedrichshafen mit 3:0 geschlagen. Das hatte in dieser Zeit absoluten Seltenheitswert.

In den darauffolgenden Jahren warst Du auf Vereinsebene international viel unterwegs und kamst nur mit der Nationalmannschaft gelegentlich zurück nach Berlin. Wie hast Du das „Projekt BR Volleys“ aus dieser Distanz wahrgenommen?
Westphal: Ich glaube, nur die kühnsten Optimisten hätten damals für möglich gehalten, was Volleyball in Berlin erreichen kann. In den Jahren hat sich enorm viel getan. Unsere Sportart wird hier auf besondere Weise emotionalisiert. Allein, wenn ich an das 3D-Court-Erlebnis gegen Friedrichshafen im Januar denke. Der Eventcharakter reicht in meinen Augen mittlerweile fast schon an die amerikanischen Großsportarten heran. In Europa – und vielleicht sogar weltweit – ist das einmalig. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, etwas Vergleichbares erlebt zu haben und ich habe viele Arenen gesehen. Aus diesem Grund spielt jeder Volleyballer auch so gern in der Max-Schmeling-Halle.

Da herrscht doch dann sicher auch bei den Netzhoppers große Vorfreude auf das Derby am Samstag?
Westphal: Definitiv. Wir waren mit unseren vier neuen Kanadiern beim Heimauftakt der BR Volleys gegen Düren. Die waren erschlagen von dieser Kulisse und sich einig, dass das Match in der Max-Schmeling-Halle ein absolutes Highlight der Saison wird.

Wie siehst Du die Chancen für Euch am Samstag? Ihr wollt sicher unbedingt noch Platz acht erreichen?
Westphal: Wir brauchen Zählbares, deshalb werden wir viel Risiko gehen. Wir stecken mit Herrsching und Bühl in einem spannenden Dreikampf um die Playoff-Teilnahme und haben dabei leider die vermeintlich schlechteste Ausgangsposition. Unser Restprogramm hat es in sich und ist das wahrscheinlich schwerste aus unserer „Dreiergruppe“. Da brauchen wir nicht auf Ausrutscher der Konkurrenz hoffen. Wir benötigen mindestens zwei Siege, müssen also punkten, wo man es nicht von uns erwartet – möglicherweise schon am Samstag in Berlin. Die BR Volleys haben sich aus ihrem Tal gekämpft und waren zuletzt gut drauf. Uns erwartet eine schwierige Nummer, aber wir wollen das Spiel auch genießen.

Dirk Westphal ist gebürtiger Berliner und 78-facher deutscher Nationalspieler. Beim SCC gelang ihm 2005 der Sprung in die Volleyball Bundesliga, von wo aus er eine eindrucksvolle Auslandskarriere mit Stationen in Italien, Belgien, Polen, Frankreich und sogar im Iran hinlegte. Seit zwei Jahren ist der 33-Jährige zurück in Deutschland, trug in der Spielzeit 17/18 das Dürener Trikot und schmettert nun für die Netzhoppers.

Quelle: Christof Bernier / BR Volleys

Füchse gewinnen das Ost-Derby

Der Hauptstadtclub aus Berlin setzt ein dickes Ausrufezeichen mit dem 27:24 (14:10)-Erfolg über den SC Magdeburg. In einem hitzigen Spiel vor 9000 Zuschauern haben die Füchse völlig verdient zwei Punkte eingefahren. Paul Drux und Mattias Zachrisson waren mit fünf Treffern die erfolgreichsten Werfer bei den Füchsen Berlin.

Füchse Berlin gegen den SC Magdeburg ist ein Spiel mit ganz besonderer Brisanz. Die Rivalität der beiden Vereine ist nach außen immer zu spüren und daher wird es auch als großes Ost-Derby bezeichnet. Die Füchse Berlin holen sich den vierten Sieg in Folge und schlagen somit den Tabellenführer und Favoriten aus Magdeburg.

Der Start verlief für das Team von Velimir Petkovic nicht optimal. Die Gäste aus Magdeburg führten mit 3:0 ehe Frederik Simak in der neunten Spielminute vom Siebenmeterstrich den ersten Treffer für die Hausherren markierte. Der Knoten war von nun an geplatzt bei den Füchsen. In der 13. Spielminute gelang beim 4:4 der Ausgleich und durch eine herausragende Abwehr mit Erik Schmidt und Jakov Gojun zogen die Gastgeber in Minute 21 bis auf 10:6 davon.

Fünf Minuten vor dem Halbzeitpfiff erzielte Paul Drux sogar das 12:7. Bis zum Pausenpfiff blieben die Füchse weiterhin konzentriert und konnten schließlich mit 14:10 die Seiten wechseln. Doch der Start in Halbzeit zwei gelang dem bislang noch ungeschlagenen Tabellenführer aus Magdeburg etwas besser. Somit spürten die Füchse beim 15:13 in Minute 36. Spielminute wieder den Atem der Gäste im Rücken.

Doch durch Treffer von Mattias Zachrisson und zweimal Fabian Wiede konnte die Führung auf 18:13 ausgebaut werden. Doch nach ausgeglichenem weiteren Verlauf wurde es nochmals eng als der SCM nochmals auf 20:18 verkürzen konnte. Daraufhin reagierte Petkovic mit einer Auszeit. Diese erzielte Wirkung und die Füchse konnten mit einer 22:19-Führung in die letzten zehn Minuten gehen.

Dort zeigten sich die Hausherren dann sehr gefestigt und konzentriert. Auch eine offensive Deckungsvariante der Gäste konnte den Füchsen nicht das Handwerk legen und somit kam der SC Magdeburg nie näher wie auf zwei Tore heran. Als Elisson rund 30 Sekunden vor dem Abpfiff das 27:24 erzielte brachen bei den lautstarken Berliner Fans alle Dämme und man konnte schließlich gemeinsam den verdienten Derby-Sieg feiern.

Somit springen die Füchse mit nun 8:4-Punkten auf Rang sechs der Tabelle und die Gäste aus Magdeburg verlieren die Tabellenführung an die SG Flensburg-Handewitt. Am kommenden Donnerstag müssen die Füchse dann beim Aufsteiger aus Bietigheim bestehen.

Füchse Berlin – SC Magdeburg 27:24 (14:10)

Heinevetter, Semisch; Wiede 4, Elisson 4, Holm 4, Struck, Gojun, Lindberg, Zachrisson 5, Simak 2/2, Schmidt 1, Jallouz, Reißky 1, Koch 1, Drux 5

Stimmen:

Bennet Wiegert (Trainer SC Magdeburg):

Herzlichen Glückwunsch an Petko und sein Team, herzlichen Glückwunsch an Berlin zum absolut verdienten Sieg und der gezeigten Leistung.

Leider ist es uns nicht gelungen nach der frühen Führung unser Spiel durchzuziehen. Berlin hatte einen tollen Rückzug und hatte sich sehr gut auf uns eingestellt. Wir haben es nicht geschafft unseren Druck aufzubauen. Ich hatte das Gefühl, dass wenn wir auf zwei oder ein Tor herangekommen wären nochmal den Druck hätten aufbauen können und das Momemtum zu bekommen. Wir brauchen einfach eine bessere Leistung und wir brauchen vor allem unser Spiel, um auswärts bei so einem Team bestehen zu können.

Velimir Petkovic (Trainer Füchse Berlin):

Es gibt nichts schöneres für einen Trainer, wie wenn der gegnerische Trainer sagt, dass das ein hochverdienter Sieg war. Wir wussten, dass wir es mit dem derzeit besten Team der Liga zu tun hatten. Der SCM hatte nicht nur 14:0-Punkte sondern hat auch schönen Handball gezeigt. Wir haben gesehen, was eine hochmotivierte Mannschaft leisten kann, wenn sie über 60 Minuten kämpft.

Ich kann mich nur freuen und wir wollen auf dieser Erfolgswelle bleiben.

Bob Hanning (Geschäftsführer Füchse Berlin):

Ich habe mich gefreut, dass wir uns heute so belohnt haben. Es war viel Emotion dabei, viel Kampf und auch viel Fairness. Wir hatten vier oder fünf Zeitstrafen und Magdeburg hatte drei Zeitstrafen und das obwohl es ein körperbetontes Spiel war.

Wir haben wenig Chancen zugelassen und in der ersten Halbzeit nur acht Bälle auf das Tor bekommen. Ich habe mich heute auch für Erik Schmidt gefreut, über seine Leistung heute in der Abwehr. Und Bjarki hat heute in der zweiten Halbzeit auch das Abwehrspielen entdeckt. Hat zwar etwas gedauert, aber das war heute ein perfektes Abwehrspiel.

Ich bin heute sehr, sehr, sehr zufrieden. Bennet hat es angesprochen, Petko auch, das war heute Rückzug wie man es sich vorstellt. Jetzt haben wir ein Bild, wie das aussehen muss.

Bob Hanning zu Paul Drux:

Paul fährt morgen nach Süddeutschland, der Fuß muss arthroskopiert werden. Er klagt seit einem halben Jahr über Fußschmerzen. Wir haben viele Untersuchungen und Bilder gemacht, konnten aber nichts feststellen. Deshalb muss man am Dienstag jetzt reinschauen.

Quelle: Füchse Berlin

Erste Heimniederlage der Saison

Im Programmheft zum Spiel war es nachzulesen auf Seite 6: „Im Mai 98 gelang unseren heutigen Gästen hier der letzte Sieg ! Und da liegt´s doch nahe, mit einem positiven Ergebnis doch dafür zu sorgen, das die Sieglosigkeit der Dresdner hier nach dem Spiel bei mehr als 20 Jahren liegt.“ Daraus wurde nichts. Nach dem Spiel feierten die Dresdner überschwenglich ihren Sieg, das er „historisch“ war, musste den aktuellen Profis im Dynamo-Dress größtenteils erklärt werden. So wurde Jannik Müller gefragt, was er im Mai 1998 gemacht hat ? Der fleißige Reporter hatte vergessen ein bisschen nachzurechnen. Müller war damals 4 Jahre alt. Daneben stand Kapitän Lumpi-Lambertz, der war damals 13 Jahre alt und spielte für D-Jugend. Dass das gerade Geschehene historisch sein sollte, war ihm nicht bewußt. Vielmehr freute er sich über sein goldenes Tor. „Eigentlich war die Flanke von Philip Heise schlecht, ich wollte schon meckern, warum der mich nicht direkt anspielt, meilenweit stand ich frei, dann köpft er mir das Ding direkt vor die Brust. Letztes Jahr mache ich hier den Ausgleich und jetzt gelingt mir der Siegtreffer. Aber was anderes, habt ihr gesehen, wie der Jannik den Polter aus dem Spiel genommen hat.“

Auf der anderen Seite war man niedergeschlagen. Der Einstand des neuen Trainers sollte ganz anders verlaufen. Viel verändern konnte Andre Hofschneider noch nicht. Die Mannschaft spielte wie zuletzt gewohnt und das wird nicht reichen. „Es reicht nicht, Ziele zu formulieren, man muss auch bereit sein, körperlich und mental dafür alles zu geben. Köperlich kann ich keinem Spieler einen Vorwurf machen, aber es gab im Spiel immer wieder Momente, wo wir bei Einwürfen und Abstößen zu lange gebraucht haben, den Ball wieder ins Spiel zu bringen.“

Ein leidenschaftliches Derby sieht anders aus. Die Defensive stand im Vordergrund. Es roch nach einem 0:0. In der 71. Minute mißglückte Kapitän Felix Kroos eine Kopfballabwehr. Die Flanke die in den Strafraum segelte sah nicht gefährlich aus, wurde von Kroos erst scharf gemacht. Es war der einzige entscheidende Fehler. „Ich laufe mit Tempo hinten und versuche an den Ball zu kommen, das Ding geht auf meine Kappe. – Über den Trainerwechsel brauchen wir nicht weiter zu reden, im Fußball interessiert es keinen mehr was gestern war.“ Mit einem Sieg wollten die Eisernen mehr Ruhe in den Verein bringen. Das ist zunächst mißlungen, eher im Gegenteil, die ambitionierten Zielen bleiben und der Druck steigt. Mit dem Spiel gegen Ingolstadt beginnt am kommenden Freitag bereits die Rückrunde, bevor es in die Weihnachtspause geht.

Hans-Peter Becker