Herthas Blindenfußballer feiern ersten Saisonpunkt

Das lange Warten hat ein Ende: Am dritten Bundesliga-Spieltag belohnten sich die Blindenfußballer von Hertha BSC erstmals für ihren Aufwand mit Punkten – und das fast dreifach. Gegen den FC Schalke 04 trennte sich das Team von Yasin Talay am Samstagmittag, 18.09. mit 1:1-Unentschieden. In der Anfangsphase brachte Fatih Talay unsere Farben nach einem schnell ausgeführten Eckball in Führung. Kurz nach der Pause glichen die ‘Königsblauen‘ in einer umkämpften Partie aus. Ein Pfostenschuss von Edis Veljković stand am Ende dem ersten Saisonsieg im Weg. In vier Wochen wartet auf die Herthaner gegen BSV 1958 Wien (16.10.21, 15:00 Uhr) und den noch ungeschlagenen FC St. Pauli (17.10.21, 12:00 Uhr) ein Doppel-Spieltag in Hamburg.

Während es in der Fußball-Bundesliga „Ha, Ho, He!“ von den Rängen des Olympiastadions schallt, herrscht beim Blindenfußball höchste Konzentration. Denn die Spieler verlassen sich ausschließlich auf ihr Raumgefühl und ihr Gehör. Torhüter, Feldspieler und Guides machen sich durch akustische Signale bemerkbar und in dem Fußball sind Rasseln integriert. Daher sind während der Partien Anfeuerungsrufe der Zuschauerinnen und Zuschauer tabu, damit die Spieler den Ball und die Anweisungen genau hören können. „Blindenfußball ist körperlich eher keine große Herausforderung, sondern psychisch. Man hört die Spieler, den Ball, die Umgebung, manchmal fährt eine Tram am Sportplatz vorbei. Man muss sehr konzentriert sein“, sagt Nasser Alwan. Der 18-Jährige spielt seit sieben Jahren Fußball und seit knapp anderthalb Jahren für Hertha BSC als Feldspieler.

Die Anforderungen beim Blindenfußball sind genauso hart wie in jedem anderen (Profi-)Sport und verlangen neben Konzentration auch Kondition und Schnelligkeit. Diese können sowohl durch Ernährung und Training als auch durch Schlaf und den Biorhythmus beeinflusst werden. Besonders bei völlig blinden Menschen läuft der natürliche Biorhythmus oder auch innere Uhr nicht immer parallel zum 24-Stunden-Tag. Das kann zu Schlafproblemen während der Nacht und extremer Müdigkeit am Tag führen. Eine besondere Herausforderung für Betroffene, denkt man an die Trainings- und Wettkampfzeiten, teilweise am frühen Morgen und/oder am späten Abend. Besonders anspruchsvoll sind Spieltage mit zwei Spielen nacheinander, da durch personelle Engpässe beim zweiten Spiel nur wenige Wechsel möglich sind.

Hertha BSC erhofft sich, dass der Blindenfußball eine noch größere Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erfährt und neue Spieler sowie Fans hinzugewonnen werden. Dafür setzt sich auch unser Hauptsponsor VANDA Pharmaceuticals ein. „Wir sind stolz, zwei Top-Partner an unserer Seite zu haben. Das unterstreicht das Interesse an sowie die Relevanz für den Sport und ist eine große Bestätigung für uns“, betont Herthas Blindenfußballer Patrick Küppers (49) zufrieden.

Quelle: Hertha BSC/Markus Jung

Hertha BSC startet erstmals in der Blindenfußball-Bundesliga

Endlich rollt der Ball wieder – doch nicht nur in der Fußball-Bundesliga, auch die Blindenfußball-Bundesliga startet in die neue Saison! Hertha BSC stellt in diesem Jahr zum ersten Mal eine eigene Mannschaft in diesem Wettbewerb, in dem acht Vereine um den Titel, aber auch um jede Menge Spaß und schöne Momente spielen. „Die Vorfreude ist riesig. Als eigene Hertha-Mannschaft auflaufen zu dürfen, ist natürlich etwas ganz Besonderes“, fiebert Spieler Patrick Küppers dem Auftakt entgegen. Gemeinsam mit seinen Teamkollegen hat sich der 40-Jährige mit mindestens zwei Trainingseinheiten pro Woche vorbereitet. „Dass wir einen Trainingsplatz zur Verfügung haben und die Rahmenbedingungen stimmen, ist ein riesengroßer Schritt für uns. Alle geben ihr Bestes – das ist ein großes Vergnügen. Wir wurden super von allen im Verein aufgenommen und fiebern den Spielen entgegen“, verrät Küppers.

Der erste von fünf Spieltagen ist ein Heimspiel und steigt am Wochenende am Nordufer in Berlin, der neuen Heimat der blau-weißen Blindenfußballer. Die Hauptstädter messen sich am Samstag (21.08.21; 16:00 Uhr) mit SF BG Blista Marburg, am Sonntag (22.08.21; 15:00 Uhr) mit Borussia Dortmund. „Auf der eigenen Anlage zu spielen, ist ein großer Vorteil für uns. So können unsere Freunde, Verwandte und auch einige Fans aus unserer Hertha-Familie zuschauen und uns unterstützen, das macht uns natürlich sehr stolz. Wir freuen uns über jeden, der sich für unsere Geschichte und für unseren Sport interessiert“, so Küppers weiter. Gespielt wird zweimal 20 Minuten auf einem 20 x 40 Meter großem Platz. Ein Teil von uns ist vollständig blind, manche können noch ein bisschen sehen. Um die Chancengleichheit herzustellen, spielen wir alle mit abgeklebten Augen und Dunkelbrillen“, erklärt Küppers das Spiel und ergänzt: „Deswegen müssen wir uns ausschließlich auf unser Raumgefühl und unser Gehör verlassen, das ist eine nicht zu unterschätzende Konzentrationsleistung. Glücklicherweise sind in unseren Bällen Rasseln integriert, so dass wir den Spieler, der im Ballbesitz ist, identifizieren können. Die anderen Mitspieler, aber auch die Torhüter und Guides machen sich durch akustische Signale bemerkbar.“

Kaum eine Sportart bringt Menschen näher zusammen als Fußball und schafft so eine gesellschaftliche Integration, die für blinde Menschen immens wichtig ist. Aber Blindenfußball ist noch so viel mehr als sportliche Betätigung, ein Hobby oder eine Leidenschaft. Ein erfolgreiches Blindenfußballspiel lebt – wie so vieles im Leben – von der Kommunikation im Team. Die Spieler untereinander orientieren und warnen sich mit dem spanischen Ausruf „Voy“, was übersetzt heißt „ich komme/gehe“. Zudem dirigieren sehende Torhüter, Guides und Trainer die Spieler mit Zurufen. „Gerade im Blindenfußball, wo sehende und blinde Menschen zusammen in einem Team spielen, bewegt und verbindet Sport auf natürliche Weise und ermöglicht Integration und Teilhabe am Erlebnis Fußball“, sagt Dr. Andreas Zachmann, Country Manager Germany von VANDA Pharmaceuticals. Als Hauptsponsor der Blindenfußballabteilung von Hertha BSC setzt sich VANDA nicht nur dafür ein, dass der Blindenfußball eine noch größere Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erfährt, sondern auch dafür, dass eine breite Öffentlichkeit Freude an den Spielen hat und neue Fans gewonnen werden.

Wer live beim Auftakt der Blindenfußball-Bundesliga dabei sein möchte, ist herzlich am Nordufer eingeladen. Insgesamt 100 Personen sind zugelassen, der Eintritt ist frei. Vor Ort müssen alle Fans ihre Kontaktdaten hinterlassen, die 3G-Regel greift nicht. Das Mitbringen von alkoholfreien Getränken (keine Glasflaschen!) ist erlaubt. Eine WC-Anlage für alle Besucherinnen und Besucher steht zur Verfügung.

Quelle: Hertha BSC Berlin/Fotocredits: Hertha BSC

Blindenfußball-EM erstmals in Deutschland

Frank Toebs berichtet Foto: Sportick

Überraschend große Kulisse am Anhalter Bahnhof
Als die Mannschaften ihr Aufwärmprogramm beendet hatten, wurde es, wie sonst auch in Fußballstadien, besonders laut auf den Zuschauerrängen. Auf diesem Spielfeld hinter dem Tempodromzelt ist sonst eher wenig los, wenn die Mannschaft von Al-Dersimspor hier in der Berlin-Liga ihre Partien bestreitet.
In einer speziell aufgebauten Arena mit noch einigen freien
Plätzen gelang der deutschen Nationalmannschaft der Blindenfußballer bei der EM ein Sieg erst in der „Verlängerung“ des Auftaktspiels. Nach 2:0-Führung am Freitagabend gegen Italien mussten beide Mannschaften wegen eines Unwetters nachsitzen und den Rest der Begegnung am Sonnabend fortsetzen. Die Treffer erzielten Taime Kuttig und Spielführer Alexander Fangmann.
Ein Starkregen hatte die Turnierleitung zur Unterbrechung gezwungen. Etwa 2000 Zuschauer sahen auf dem Lilli-Henoch-Sportplatz am Anhalter Bahnhof dennoch eine gelungene Auftaktveranstaltung. Zehn Mannschaften kämpfen erstmals auf deutschem Boden um den Titel. Es treten auf einem an den Längsseiten durch Banden abgeschlossenen Feld
(40 x 20 Meter) jeweils 4 Spieler, die abgedunkelte Brillen tragen, an. Ein (sehender)Torwart hütet den Kasten. Durch einen besonderen Spielball, der Rasseln eingearbeitet hat und etwas schwerer, dafür aber kleiner als ein Fußball ist, ferner durch Zurufe vom Trainer, Torwart und einem Mann hinter dem gegnerischen Tor können die Spieler sich orientieren. Das Tor hat die Größe eines Hockeytores. Effektive Spielzeit ist meist viel länger als die vorgesehenen 2 x 20 Minuten, weil bei jeder Unterbrechung die Uhr angehalten wird. Sehr rigoros werden jedes „In-den-Weg-stellen“ und kleinste Drängeleien geahndet. Um sich untereinander bemerkbar zu machen, wird „VOY“ gerufen. Der spanische Ausruf bedeutet etwa „Achtung, ich komme!“.
Die eingeschränkte Orientierung bringt es mit sich, dass das Spielgerät meist in Einzelaktionen Richtung Tor vorangetrieben wird. Welch erstaunliches Geschick und Einfühlungsvermögen aber nötig ist, um die Richtung zu halten und durch Tricks den Gegner abzuschütteln, konnte jeder Besucher vorher auf einem Parcours am Eingang selbst mit einer Dunkelbrille testen. Um damit überhaupt halbwegs mit Ball geradeaus laufen zu können, ist immer eine zweite Person nötig.
Im zweiten Spiel der deutschen Mannschaft folgte am Sonntag eine 1:2-Niederlage gegen Frankreich. Wenn am Montagabend Rumänien bezwungen werden kann, könnte es ein Halbfinale mit einheimischer Beteiligung am Donnerstag geben. Dafür müsste man aber erst noch gegen England am Mittwoch bestehen. Das Finale findet am Sonnabend um 19.30 Uhr statt. Dann wird, falls Petrus mitspielt, wieder der Lautstärkepegel auf den Rängen ansteigen. Allerdings nur bis zum Anpfiff, weil Blindenfußballer schließlich eine lärmarme Arena benötigen.

Frank Toebs