Keine Punkte für die Eisernen

Die großen Bayern waren da und fast keiner durfte direkt dabei sein. Im Fernsehen wirkte das Spiel wie eine Umarmung unter Vollschutz. Rund um das Stadion an der Wuhlheide wurden 400 Polizisten aufgeboten. Ein paar Unentwegte waren gekommen, um wenigstens einen kleinen Blick auf das Stadion zu erhaschen. Zwei besonders Mutige waren auf einen Baum geklettert und wurden von den Sicherheitskräften per Platzverweis am weiteren zuschauen gehindert. Der Rest fotografierte artig durch den Zaun und ging wieder nach Hause oder fand noch einen Platz einer Kneipe mit Sky-Empfang.

Im Stadion war es ruhig. Man konnte das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes hören. Wer es in normalen Zeiten nicht bekommen hatte, erstaunlich, was sich die Spieler alles so zurufen. Mit deutscher Gründlichkeit wurde das Konzept zur Hygiene umgesetzt, teilweise bis zur Albernheit. Es erschließt sich nicht, dass die Sky-Reporter vor der Kamera, an der frischen Luft, Masken trugen.

Zum sportlichen dieser Veranstaltung: Die Eisernen hielten das Spiel lange offen, waren trotzdem gegen die Bayern auf verlorenem Posten. Müßig, darüber zu spekulieren ob es mit ihrem lautstarken Publikum im Rücken viel anders gekommen wäre. Markus Hoffmann vertrat seinen Chef Urs Fischer, der wegen eines Trauerfalls in seiner Familie, die Mannschaftsquarantäne verlassen hatte.

Im Sturm durfte Anthony Ujah für Sebastian Andersson starten und in der Abwehr ersetzte Keven Schlotterbeck, den gelb-gesperrten Marvin Friedrich. Im Mittelfeld bekam Grischa Prömel den Vorzug, so dass Christian Gentner zunächst mit vorschriftsmäßigen Mundschutz von der Bank aus zusah.

Die erste Halbzeit verlief ereignisarm. Die Führung in der 40. Minute fiel nach einer unglücklichen Aktion des erfahrenen Neven Sobotic, der im Strafraum gleichzeitig Ball und Gegner traf. Den unstrittigen Strafstoß verwandelte Robert Lewandowski sicher. Die Eisernen liefen mit enormen Aufwand die Räume zu, konnten aber kaum etwas für den eigenen Spielaufbau tun. Es sprangen lediglich 9 Torschüsse und 2 gute Chancen heraus. Die Bayern brauchten 80. Minuten um den Sack zuzubinden. Benjamin Pavard beförderte einen Eckball per Kopf ins Tor.

Die Bayern waren auf das Spiel der Eisernen gut vorbereitet. Die Versuche der Hausherren mit langen Pässen zum Erfolg zu kommen wurde von den Bayern erfolgreich unterbunden. In der Feinabstimmung müssen beide weiter zulegen, die erzwungene Spiel- und Trainingspause war deutlich zu bemerken. Bayern-Trainer Hansi Flick sprach nach dem Spiel von einem Arbeitssieg.

Mit dieser Niederlage bleiben die Köpenicker in der Tabelle einen Punkt hinter dem Rivalen aus Berlin-Charlottenburg. Am kommenden Freitag, 22.05. 2020 ist es wieder soweit, Derbytime unter Corona-Bedingungen.

Hans-Peter Becker

1. FC Union Berlin: Gikiewicz – Hübner. Schlotterbeck, Subotic – Trimmel, Andrich (70. Gentner), Prömel (85. Kroos), Lenz – Ingvartsen (81. Mees), Ujah (70. Andersson), Bülter (85. Ryerson)

FC Bayern München: Neuer – Pavard, Boateng, Alaba, Davies – Kimmich, Goretzka (71. Coman), Thiago – Müller (90. Cuisance), Lewandowski, Gnabry (85. Perisic)

Tore: 0:1 Lewandowski (40. FE), 0:2 Pavard (80.)

Niederlage in München

Der 1. FC Union hat bei den übermächtigen Bayern nur mit 1:2 verloren. Achtbar aus der Affäre gezogen könnte man meinen. So war es nicht, die Bayern hatten keinen Sahnetag, der Aufsteiger leider auch nicht. Ein frühes Gegentor, in der 13. Minute und anschließend redliches Bemühen der Eisernen, die wenig Spielanteile bekamen. Defensiv war es solide, der Sturm war kaum ein laues Lüftchen.

Urs Fischer schickte seine Mannschaft wieder mit einer 4er Kette in der Abwehr auf das Feld. Es sortierte sich mit und gegen den Ball zu einem 4-2-3-1. Gegenüber dem letzten Spiel gegen Freiburg wurde auf zwei Positionen umgestellt. Neven Sobotic kehrte für Keven Schlotterbeck wieder in die Innenverteidigung zurück und für Michael Parensen kam Felix Kroos zu seinem ersten Einsatz in der Startelf. Er spielte zusammen mit Robert Andrich auf der 6er Position.

Der FC Bayern ließ fast nichts zu, ganze sechs Torschüsse sah Manuel Neuer auf sein Tor kommen. Darunter waren zwei Strafstöße. Den ersten hielt Neuer in Weltklassenmanier, der zweite durch den eingewechselten Sebastian Polter passte. Er war selbst gefoult worden, durch den Torschützen zum 1:0 Benjamin Pavard. Es lief bereits die 86. Minute, die Bayern hatten in der 53. Minute durch Robert Lewandowski auf 2:0 erhöht. Das Ergebnis spiegelte den Spielverlauf nicht wieder.

Einige unter den über 7.000 im Stadion anwesenden Fans der Eisernen hatten wenigstens ein bisschen Freude bei der Bekanntgabe von Zwischenergebnissen aus dem Berliner Olympiastadion. Der Lokalrivale unterlag am Ende der TSG Hoffenheim mit 2:3. Aus Gesamtberliner Sicht war es der Nachmittag der Verlierer und die treffen am nächsten Spieltag in der Alten Försterei aufeinander. Davor müssen beide noch ihre Aufgabe in der 2. DFB-Pokalrunde lösen. Erneut treffen die Eisernen auf den SC Freiburg, der mit der Empfehlung eines Sieges gegen RB Leipzig in das Spiel gehen wird.

Hans-Peter Becker

Spieldaten

 1.FC Union Berlin: Gikiewicz – Trimmel, Friedrich, Subotic, Lenz – Kroos (60. Becker), Andrich – Ingvartsen (67. Ujah), Bülter – Andersson (67. Polter)

FC Bayern München: Neuer – Kimmich, Pavard, Boateng, Davies – Thiago, Coutinho (86. Goretzka) – Coman (65. Gnabry), Müller, Perisic (76. Tolisso) – Lewandowski

Zuschauer: 75.000

Tore: 1:0 Pavard (13.), 2:0 Lewandowski (53.), 2:1 Polter (86.)

Eiserner Aufstieg – Fußball pur in der Bundesliga

Berlin freut sich, was in München einige Zeit gang und gäbe war, trifft jetzt in der kommenden Saison in der Fußball-Bundesliga auf die Hauptstadt zu. Bist du Blauer oder Roter ? Gesunder Konkurrenzkampf und ein bisschen Abgrenzung, das gehört einfach dazu, meinte Unions Geschäftsführer Kommunikation und Stadionsprecher Christian Arbeit in einem Radiointerview zu früher Stunde nach fast durchfeierter Nacht. Leichtsinniger Weise hatte das versprochen, genauso wie er im Wintertrainingslager geäußert hatte, dass er im Aufstiegsfall seine langen Haare opfern würde. Der Aufstiegsfall trat dann tatsächlich ein.

Montagabend, 27. Mai 2019 um exakt 22:28 Uhr war es vollbracht. Unzählige Märchen wurden wahr, der 1. FC Union Berlin spielt in einer Liga mit Borussia Dortmund, Bayern München, Schalke 04 und, und, aus dem Aschenbrödel wurde eine Goldmarie. Zwei Unentschieden reichten dem Zweitligisten zum Aufstieg und für den VfB Stuttgart endete eine Katastrophen-Saison in einem Desaster. Das Spiel bot logischerweise keine fußballerische Feinkost, vielmehr wurde geackert, dass es einem Wunder gleich kam, das einige Akteure nach dem Spiel noch feiern konnten.

In der Anfangsphase durften die Eisernen sich von den Vorzügen des Videobeweises überzeugen lassen. Stuttgart hatte mit einem sehenswerten Freistoßtreffer die frühe Führung erzielt. Ohne Videobeweis hätte der Treffer gezählt. Trotz klarer Abseitsstellung, wenn auch zunächst passiv, blieb die Fahne des Assistenten unten. In den Fernsehbildern war deutlich zu erkennen, dass Stuttgarts Nicolas Gonzales die Sicht des Torwartes behindert hatte. Warum er dort überhaupt hinging ?

Urs Fischer, der Aufstiegstrainer © Foto: Hans-Peter Becker

In der ersten Hälfte hatten die Eisernen Glück, dass den Gästen kein regulärer Treffer gelang. Nach vorn brachten sie nichts zustande. In der zweiten Hälfte verstärkten die Stuttgarter ihre Angriffsbemühungen. Mario Gomez kam für den Unglücksraben Gonzales. Die Spieluhr lief herunter und Eisern stand die Null. Ein gefährlicher Spielstand, je näher der Schlusspfiff rückte. Fast wären die schlimmsten Befürchtungen Realität geworden. Union traf zweimal nur den Pfosten, während Benjamin Pavard in der 89. Minute Rafal Giekewicz zu einer Parade zwang. Der Schiedsrichter zeigte fünf Minuten Nachspielzeit an. Urs Fischer hatte sich einen Spieler für einen taktischen Wechsel aufgespart. Michael Parensen, der einzig verbliebene Akteur des Zweitligaaufstiegs von 2009 kam für Robert Zulj. So wurde es für ihn eine ganz besondere Geschichte. Schiedsrichter Christian Dingert beendete die Partie, torlos in Berlin und 2:2 in Stuttgart, das reichte.

Die Ränge leerten sich, alles strömte aufs Spielfeld. Einige sicherten sich ein Stück Rasen. Zuvor hatte Mannschaft historisches vollbracht. Präsident Dirk Zingler erlebte den Schlusspfiff und somit den größten Moment seines Vereins auf der Toilette. Es waren wohl die Nerven, die mächtig auf die Blase drückten. Als er 2004 von seinem Vorgänger Jürgen Schlebrowski das Amt übernahm folgte gleich der Abstieg von der Regional- in die Oberliga. Der Verein fast am Ende, es begann eine Sisyphosarbeit. Zingler erinnerte daran, dass es in der schweren Zeit zwischen 2004 bis 2007 Menschen gab, die den Verein nicht untergehen ließen. Teilweise wurde ohne Gehalt weiter gearbeitet. All denen sollte gedankt werden.

Der 1. FC Union ist jetzt ganz oben angekommen. Die Bundesliga darf sich auf einen etwas anderen Verein in ihren Reihen freuen. Das inzwischen viel zu kleine Stadion bietet zu den Heimspielen nur soviel Kommerz wie nötig und dabei so viel Fußball wie möglich. Union ist heute bereits das, was hip und cool genannt wird.

Hans-Peter Becker

Bundesliga, die Ossis kommen © Foto: Hans-Peter Becker

Die Aufstiegschance ist gestiegen !

Der 1. FC Union hat den VfB Stuttgart mächtig geärgert und die Ausgangssituation für dem Relegationsrückspiel zu seinen Gunsten verändert. Nach dem überraschenden 2:2 im Hinspiel griffen die Stuttgarter zu Durchhalteparolen. „Es ist erst Halbzeit und die Entscheidung fällt erst nach dem nächsten Spiel.“ Der Verlauf des Spiels war so nicht erwartet worden. Die Eisernen hatten das knappe Scheitern in Bochum erstaunlich gut weggesteckt, ein Kompliment an die sportliche Leitung, die die Psyche der Spieler wieder aufgerichtet hatte.

Ein Blick in die Spielstatistik zeigt, zwar hatten die Stuttgarter mehr Ballbesitz, gewannen mehr Zweikämpfe, in der Laufleistung dagegen hatten die Köpenicker klar die Oberhand. Die Spieler des 1. FC Union liefen in der Endabrechnung fast 2 Kilometer mehr als die Stuttgarter. Sie mussten das Spiel nicht machen, konnten auf den Gegner reagieren und das tat ihnen sichtlich gut. Ein 4-2-3-1 im flexiblen Wechsel mit einem 4-3-3 war bei den Offensivaktionen zu sehen. In der Sturmspitze, als Zielspieler verdiente sich Sebastian Andersson Bestnoten, für den 1: 1 Ausgleich durch Suleiman Abdullahi lieferte er die Vorlage. Es waren kleine Änderungen die Urs Fischer vornahm, auf der linken Offensivseite bekam Marcel Hartel mal wieder einen Startelfeinsatz. Er hatte es schwer gegen den französischen Weltmeister Benjamin Pavard und wurde gegen Joshua Mees ausgetauscht.

In der Schlussphase waren die Eisernen sogar einer Sensation nahe, zwei Riesenmöglichkeiten zum Siegtreffer boten sich. Im Verlaufe des Spiels kassierten Kapitän Christopher Trimmel und der für Manuel Schmiedebach eingewechselte Felix Kroos, gelbe Karten mit Folgen. Das Rückspiel können sie nur von der Tribüne aus verfolgen, auf dem Rasen nicht mithelfen.

Eines ist klar, gewonnen haben die Eisernen noch nichts, die Chancen stehen jetzt 50 zu 50, haben sich verbessert. Im Rückspiel wird es spannend, Stuttgart mehr zu verlieren, sie müssen gewinnen oder mindestens drei Tore schießen und höchstens drei zulassen. Die Spannung steigt jetzt von Tag zu Tag. Es könnte was ganz Großes in der Luft liegen.

Hans-Peter Becker